Sind sinnlose Umfragen verboten?

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Die folgende Frage hat uns über dr@mafolution.de erreicht:

Hallo Dr. Mafolution,

„Bitte bewerten Sie Ihre Reise bei der Deutschen Bahn“. Was bei diesen Befragungen herauskommt, möchte man lieber gar nicht wissen. Braucht man vielleicht auch nicht. Erstens weiß man es irgendwie eh schon und zweitens passiert ja doch nichts. Warum führt man dann sowas eigentlich durch? Gibt es keine Regel von der ESOMAR, die sinnlose Umfragen verbietet? Würde mich mal interessieren.

Gruß aus dem überfüllten ICE,

B.

Lieber B.,

vielen Dank für diese interessante Frage. Ich bin tatsächlich ein bisschen ins Grübeln gekommen, ob „sinnlose Umfragen“ von irgendeiner Standesregel betroffen sind.

Durch Artikel 3 im ESOMAR-Kodex sind Forscher grundsätzlich zur Datenminimierung angehalten. Der Artikel zielt zwar eher auf einzelne Variablen ab, als auf legitime Untersuchungsziele oder die richtige Stichprobengröße, aber vielleicht steckt darin ja auch ein bisschen die Maxime, dass man nicht erforschen soll, woran man ohnehin nicht ernsthaft interessiert ist. Das ist zugegebenermaßen sehr frei interpretiert.

Ähnlich unbefriedigend sehe ich es eigentlich auch für Artikel 9b, der besagt, dass man nichts tun soll, was das Vertrauen die Öffentlichkeit in die Forschung beeinträchtigt. Zweifel an der Praxisrelevanz von Forschung („sinnlos“) nähren meiner Ansicht nach aber noch keine Zweifel an der Wissenschaftlichkeit von Forschung. Auch wenn man das Ergebnis schon vor der Durchführung einer Studie kennt, kann man dem Wahrheitsgehalt der Forschung immer noch vertrauen. Insofern wäre mir eine Argumentation mit den Standesregeln insgesamt ein bisschen zu vage.

Ich nähere mich der Frage deshalb einmal von einer anderen Seite: Wann ist eine Umfrage eigentlich sinnlos? Und warum gibt man so etwas überhaupt in Auftrag? Auch wenn der Teilnehmer die Fragen unnötig findet (weil die Antworten ja wohl offensichtlich sind), können Unternehmen vielleicht doch noch eine Menge daraus lernen, z.B. durch Zeitreihen (An welchen Wochentagen sind Bahnreisende besonders unzufrieden?), den Vergleich unterschiedlicher Kundensegmente (Ist es in der ersten Klasse besser, als in der zweiten Klasse?) oder der Anreicherung mit externen Daten (Welche Auswirkungen hat ein Zugausfall auf die Zufriedenheit in den nachfolgenden Zügen, auf die die Reisenden ausweichen?).

Vielleicht geht es in Unternehmen aber auch einfach nur darum, die eigene Sicht auf die Dinge im Umgang mit anderen Abteilungen, externen Dienstleistern, Shareholdern oder der Politik empirisch zu unterfüttern? Hier stünde nicht der Wunsch nach Erkenntnis im Mittelpunkt, sondern das Interesse an einem (wissenschaftlich) belastbaren Machtinstrument in der Unternehmenspolitik. Doch so richtig „sinnlos“ ist so Studie auch nicht. Das bringt mich zu ganz allgemeinen Einsicht, dass es gar nicht so leicht ist Kriterien anzugeben, an denen man die Sinnlosigkeit festmachen kann.

Unterm Strich ist das aber eine ganz gute Botschaft, wie ich finde. Offenbar haben wir die Freiheit, selbst dann noch zu forschen, wenn es anderen Menschen schon sinnlos erscheint. Wir sind niemandem Rechenschaft für unsere Interessen und unsere Fragestellungen schuldig. Wir dürfen Studien replizieren, auch wenn das Ergebnis vermeintlich bereits feststeht. Ein Verbot „sinnloser Umfragen“ wäre dagegen wohl ein ziemlicher Schlag gegen die Forschungsfreiheit.

Die Tatsache also, dass niemand über den Sinn und Unsinn von Forschung entscheiden kann und es deshalb sogar Studien geben darf, in denen wir keinen Sinn erkennen, ist der Preis, den wir für das hohe Gute der Forschungsfreiheit bezahlen müssen.

Ich wünsche Dir eine gute Weiterreise,

Dr. Mafolution

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