Von “spectrekulär” bis “der reinste Dreck“ – Wie Spectre im deutschen Social Web bewertet wurde

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Im Rahmen einer Social Media Research Lehrveranstaltung an der Hochschule Pforzheim konnten die Studenten des Studiengangs Marktforschung und Konsumentenpsychologie Erfahrungen mit einem Social Media Monitoring Tool sammeln. Nadine Breitenbücher und Tobias Walter haben das Web geschüttelt und in den Social Media gerührt. Dabei herausgekommen ist folgende Social Media Analyse zum James Bond Film „Spectre“.

Sein Name ist Bond, James Bond. Zum vierten Mal ist Daniel Craig in der Rolle des Geheimagenten auf der Leinwand zu sehen. Nach Casino Royale, Ein Quantum Trost und Skyfall startete am 5. November 2015 Spectre in den deutschen Kinos. Regisseur Sam Mendes machte in diesem Teil den totalen Überwachungsstaat zum Thema, denn das Doppelnull-Programm soll beendet und durch den Einsatz von Überwachungstechnik ersetzt werden. Als teuerster Bond aller Zeiten wurde der Film mit Spannung erwartet und nach dem Kinobesuch auch vielfach im Social Web kommentiert und analysiert.

Durch eine Analyse sozialer Medien wollten wir herausfinden, welche Meinungen zum neuesten James Bond-Film im Web vorherrschen. Dabei lag unser Fokus auf den Beiträgen und Kommentaren derer User, die den Film bereits gesehen haben. Unsere Kernfragen lauteten dabei: Wie wird der Film allgemein beurteilt? Was sagen die Zuschauer über die Story? Wie schlägt sich Hauptdarsteller Daniel Craig in der Rolle des James Bond? Welche Reaktionen gab es zu Christoph Waltz in der Rolle des Bösewichts? Und wie kommt der Titelsong von Sam Smith beim Publikum an? Um diese und weitere Fragen beantworten zu können, haben wir den Social Buzz zu Spectre im Web über einen Zeitraum von 5 Wochen beobachtet und analysiert (29.10.2015 bis 3.12.2015). Für unsere Analyse haben wir ausschließlich mit deutschsprachigen Quellen gearbeitet.

Der Buzz um Spectre entfacht sich hauptsächlich in Blogs und auf Twitter

torteSchaut man sich zunächst einmal die Verteilung des Social Buzz über den Zeitraum einer ausgewählten Woche (22.11. bis 28.11.) an, so erkennt man, dass über die Hälfte der 800 Treffer auf Twitter entfällt. Allerdings wird Twitter auch vielfach zu Marketingzwecken benutzt – z.B. von Kinos oder anderen Accounts, die mit Spectre in irgendeiner Weise in Verbindung stehen – sodass sich eine Menge des Gezwitschers nicht direkt auf die Inhalte des Films bezog. Außerdem eignet sich Twitter als Microblogging-Plattform natürlich nicht für eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Film, weshalb die Twitter-Nutzer viele allgemeine Wertungen (z.B. #Spectre war seeeehr gut) oder nur knappe Statements zur Story, den Schauspielern usw. abgeben konnten.

Auf längere und teils sehr detaillierte Kritiken sind wir dagegen auf Blogs und in Foren gestoßen, die zum Großteil auch von Filmexperten betrieben werden. Wie auf dem Schaubild zu erkennen ist, wurde rund um den Kinostart am meisten Buzz in der Blogosphäre erzeugt. Danach nimmt der Buzz ab und stabilisiert sich letztlich mit ein paar Ausreißern nach oben. verlauf

Zuletzt haben wir die Kommentarspalten der offiziellen deutschen James Bond-Fanpage stichprobenhaft durchleuchtet, um einen Eindruck davon zu bekommen, wie Spectre bei Bond-Fans ankommt. Auf allen Kanälen hat sich unsere Vermutung, dass sich überwiegend männliche Nutzer über Spectre unterhalten, insgesamt bestätigt.

Spectre bietet gewohnte Kost – die aber nur eingefleischte Bond-Fans wirklich überzeugt

Betrachtet man zunächst einmal die allgemeinen Wertungen von Spectre, so hat der Film bei den meisten Bond-Fans die Erwartungen wohl weitgehend erfüllt: Etwa zwei Drittel unser hierzu ausgewerteten Kommentare waren positiv. Auf Twitter herrscht hingegen ein anderes Bild: Hier war nicht einmal die Hälfte unserer analysierten Tweets zum Hashtag #spectre positiv behaftet. Die deutsche Blogosphäre sieht Spectre insgesamt sehr kritisch und übt teils deutliche Kritik am Film von Sam Mendes.
Die vom Film überzeugten sahen in Spectre z.B. einen bond-typischen Film ganz nach ihrem Geschmack („Steht Bond drauf, ist Bond drin“), gespickt mit typischen Bond-Elementen wie gelungener Action, rasanten Verfolgungsjagden, imposanten Schauplätzen und von trockenem Humor durchzogenen Dialogen. Außerdem wurden die mehrfach vorkommenden Referenzen auf frühere Bond-Filme erkannt und für gelungen empfunden („Für Insider eine nette Zusammenfassung der Reihe.“). Die Kritiker beziehen sich in ihrem negativen Urteil insbesondere auf den zentralen Bestandteil eines jeden Filmes, welcher ihrer Meinung nach nicht gut gelungen ist: Die Story.

Langweilig, langatmig und vage – Spectre’s Handlung reißt kaum jemanden vom Hocker

Vor allem in den Blogs und Foren wurde mit Kritik an der Story nicht gespart, aber auch auf Twitter und Facebook gab es diesbezüglich negative Kommentare. Fehlende Substanz, der schwache Spannungsbogen sowie die unschlüssige und austauschbare Handlung sind nur eine Auswahl an Kritikpunkten. Bei einem Action-Klassiker wie James Bond erwartet wohl kaum jemand eine Handlung mit außergewöhnlich viel Tiefgang. Eine Bloggerin schreibt zum Beispiel, dass es hinsichtlich der Story einen üblichen Toleranzrahmen für Actionfilme dieser Art gebe. Spectre allerdings überschreitet diese Toleranzgrenze: Während die aufwändig inszenierte Anfangssequenz in Mexiko von vielen noch sehr positiv und teilweise überschwänglich herausgehoben wird („grandioser Anfang“), lässt die Handlung nach Meinung vieler ab der Mitte des Filmes rapide nach („In der Mitte hängt der, ohnehin zu lange Film, so durch, dass sein Bauch auf dem Boden schleift.“). Unklar bleiben vor allem die Intentionen, die Bond und Bösewicht Blofeld als die beiden Gegenspieler des Filmes verfolgen und auch ein Zusammenhang der einzelnen Szenen wird nicht wirklich gesehen, sodass Spectre zu einer „leb- und lustlosen Aneinanderreihung einzelner Schauplätze“ verkommt. Die abfallende Handlung im zweiten Teil des Filmes sorgt dann auch dafür, dass die Länge des Films mit fast drei Stunden als negativ angesehen wird, im Gegensatz zu manch anderem langem Film, der dank seiner packenden Handlung kurzweiliger erscheint.

Gelangweilt oder doch überzeugend lässig – Uneinigkeit bestand über Craigs Schauspielleistung

Die Meinungen zur Performance von Hauptdarsteller Daniel Craig in der Rolle des James Bond gingen im Social Web deutlich auseinander. Lob gab es vor allem für die Szenen in denen er seinen trockenen Humor unter Beweis stellte. Für gut befunden wurde auch, dass trotz Craigs humorvoller Lässigkeit genug Ernsthaftigkeit dabei war: Craig überzeugte das Publikum als „harter, aber auch verwundbarer James Bond“, der vor allem mit Attributen wie Stärke und Coolness assoziiert wird. Einige User kommentierten auch, dass Craig mit diesem Teil von James Bond endgültig in dessen Rolle geschlüpft sei und dass ihn Spectre zu einem der besten Bond-Darsteller gemacht habe.
Dagegen erheben sich die Stimmen der Kritiker, die Craig bei der Schauspielerei Lustlosigkeit vorwerfen, so als habe er bereits mit seiner Rolle des James Bond abgeschlossen. Die Zuschauer empfinden Craig als unmotivierten und ermatteten Schauspieler, der die Rolle des James Bond in Spectre durchweg gelangweilt spielt. Ebenso gibt es große Kritik daran, dass Craig auf der Leinwand immer nachdenklich und deprimiert aussieht. Zudem wird beklagt, dass er in seiner Figur Kälte und Anspannung ausstrahlt. Statt den coolen Superagenten zu spielen, beschäftige er sich zu sehr mit persönlichen Problemen. Auch waren viele Fans mit Craigs Performance unzufrieden, da sie diese an den vorherigen Bond-Streifen mit ihm messen und teilweise auch mit der von vorherigen Bond-Darstellern. So zog ein Kritiker z.B. den Vergleich zu dem ehemaligen Darsteller Roger Moore und beklagte, dass er dessen Charakteristika bei Craig vermisse.
Insgesamt überwogen die negativen Kritiken die positiven. Zu beachten ist jedoch, dass auf der Facebook Fanpage deutlich weniger negative Kritik an Craig geäußert wurde als auf Blogs.

Frei von Überraschungen – Christoph Waltz als alter Bekannter in der Rolle des Bösewichts

Große Vorfreude auf Christoph Waltz in der Rolle des Bösewichts Franz Oberhauser alias Ernst Stavro Blofeld konnten wir auf der Facebook Fanpage von James Bond erkennen. Nach dem Kinobesuch waren die Meinungen über Bonds Gegenspieler in den sozialen Medien jedoch sehr unterschiedlich.
Ein Teil der User sah Waltz´ Auftritt als sehr gelungen an, da er für sie den perfekten Bösewicht verkörpert. Er wird als Ausnahmetalent betitelt und seine schauspielerische Leistung trifft auf Lob und Anerkennung. Waltz habe ein Talent dafür den Bösewicht zu spielen und wisse zu überzeugen, indem er sich gekonnt in Szene setzt. Hierbei wurde auch auf seine vorherigen Rollen als Kontrahent verwiesen. Einige Stimmen sehen Waltz in der Rolle des Schurken als eines der Filmhighlights an, das die als mäßig bewertete Handlung aufwertet.
Der andere Teil im Netz fand den Auftritt von Waltz in der Anführerrolle der Geheimorganisation Spectre wenig überzeugend. Zu blass und zu profillos empfanden sie die Gegnerfigur von Bond. Waltz sei in seiner elementaren Rolle als Bösewicht viel zu wenig präsent gewesen. „Einer der uninteressantesten und blassesten Schurken der James Bond-Reihe“, kommentierte ein Kritiker auf seinem Filmblog. Beklagt wurde außerdem, dass es der Figur an charakterlicher Tiefe fehle. Weiterhin beurteilten viele die Hintergrundgeschichte von Blofeld und die Verstrickungen mit Bond als zu konstruiert und keiner Logik folgend. Blofelds eigentliche Beweggründe hätten für die Handlung besser herausgearbeitet werden sollen. Enttäuscht waren die Zuschauer auch darüber, dass Waltz in seiner Rolle sehr routiniert wirkte und deshalb frei von Überraschungen spielte. Dies führten die Kritiker auf seine vorherigen Bösewicht-Rollen wie z.B. der des Hans Landa in Inglorious Basterds zurück. Gerade diese Rolle wird oft für einen Vergleich herangezogen und macht es Waltz schwer, die Zuschauer als Schurke im neuen James Bond-Streifen zu packen. Zu oft habe er nun schon die Rolle des Fieslings gespielt. Dasselbe Bedrohungspotential wie in Inglorious Basterds würde er jedoch in Spectre nicht ausstrahlen.
Die Erwartungen und das tatsächlich Gesehene lagen also bei vielen Kinogängern auseinander. Einige merkten jedoch an, dass dies nicht primär die Schuld von Waltz als Schauspieler war, sondern vielmehr am Drehbuch und des schwach gezeichneten Charakters von Blofeld lag. Zudem sei eine längere Screentime für Waltz wünschenswert gewesen, damit dieser sich besser in Szene setzen kann.

Misslungener Versuch der Kopie – Sam Smiths Titelsong wird stark kritisiert

Viel negative Kritik erntete vor allem der Titelsong Writing’s On The Wall von Sam Smith.
Unter dem kleinen Teil an Befürwortern des Songs befanden sich überwiegend weibliche Bond-Fans. Der Soundtrack sei gut und passend zum Intro gewesen, schrieben sie. Die Musik in Kombination mit den Szenen kam gut an und wird als gelungene Eröffnung für den Film bezeichnet.
Der Großteil der Stimmen wertete den Song hingegen als schlecht und unpassend. Zu gefühlvoll sei die Musik des Intros gewesen und das stieß nicht gerade auf Begeisterung. „Selbst das schönste Intro kann durch einen schrecklichen Song kaputt gemacht werden“ schrieb einer der User. Die Meinung darüber, dass die Titelsequenz gut umgesetzt war und es nur am passenden Lied fehlte, teilen viele der Kritiker. Unpassend empfanden sie vor allem den Gesang von Sam Smith. Er habe sich teilweise wie eine Frau angehört und den Song „herausgequietscht“. Auch die Meinung, dass dieses Lied besser hätte von einer Frau gesungen werden sollen, kursierte im Social Web. Überdies ließen Vergleiche mit Adeles vorhergehendem Titelsong Skyfall den Nachfolger schlecht abschneiden. Writing’s On The Wall sei nur ein Versuch gewesen Adeles Song zu kopieren, aber es sei ein nichtssagender Introsong daraus geworden. Die Melodie bleibe einem nicht im Ohr und somit reihe sich das Lied in die Liste der belanglosesten 007-Songs aller Zeiten ein.

Fazit

Schlussfolgernd kann festgehalten werden, dass Spectre die Erwartungen vieler Zuschauer nicht erfüllt hat. Der Vorgänger Skyfall hatte hohen Erwartungen erzeugt, denen Spectre insgesamt nicht gerecht werden konnte. Negative Kritik hagelte es vor allem innerhalb der filmaffinen Blogosphäre und in einschlägigen Filmforen. Am meisten Kritik bekam dabei die Story ab. Positiv wurden z.B. die aufwändig inszenierte Action und die spektakulären Bilder an den verschiedenen Drehorten bewertet. Eine Einschränkung gilt es bei den James-Bond Fans zu machen: Deren Stimmungsbild sah mehrheitlich positiv aus, auch wenn sie in Spectre einige Makel erkannten und insgesamt mehr Potenzial im neuen Bond-Streifen sahen.

Methodensteckbrief:
Thema der Social Media Analyse:
Wie wird der James Bond Film Spectre im Social Web bewertet?

Gegenstand der Analyse:
– über 30 Blogs
– Kommentarspalten von 4 häufig kommentierten Facebook-Posts der James Bond Fanpage
– Community-Kommentare des Filmforums Moviepilot zu Spectre
– ca. 1500 Tweets zum Hahstag #spectre

Methode:
Quantitatives Webmonitoring und Qualitative Inhaltsanalyse

Betrachteter Zeitraum:
5 Wochen (29.10.2015 bis 3.12.2015)

Suchbegriffe:
Spectre, Bond, James Bond, Spectre AND Bond, 007 u.a.

Verwendete Tools:
Talkwalker, Meltwater IceRocket, Twingly, Twitter Search

Autoren:
Nadine Breitenbücher und Tobias Walter

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