Paleo – Wieder eine neue Crash-Diät? Eine Analyse im Social Web.

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Im Rahmen einer Social Media Research Lehrveranstaltung an der Hochschule Pforzheim konnten die Studentinnen und Studenten des Studiengangs Marktforschung und Konsumentenpsychologie Erfahrungen mit Social Media Monitoring und Social Media Research sammeln.

Melanie Bauer, Hannah Schmid, Romina Kraus und Sarah Dörr haben das Phänomen der Paleo-Diät näher beleuchtet und sind im Social Web auf die Jagd nach Inhalten und Erkenntnissen gegangen:

Mohrrüben wachsen nicht in Konservendosen beim Supermarkt um die Ecke. Nein, sie wachsen ohne Konservierungsstoffe mit ihren grünen Blättern versteckt in dunkler Erde. Lange Zeit scheint dies in unserer Gesellschaft in Vergessenheit geraten zu sein. Aktuell wird für viele Menschen das Thema gesunde Ernährung immer wichtiger, um die Herausforderungen des Alltags erfolgreich meistern zu können. Gesunde, vegetarische oder vegane Ernährung liegt bei vielen Zielgruppen im Trend. Auch in sozialen Netzwerken werden Food- und Gesundheitsthemen emotional und kontrovers diskutiert.
Die sogenannte Paleo-Diät ist ein solches, vieldiskutiertes Trendthema. Im Rahmen unserer Social Media Research Vorlesung haben wir deshalb die Paleo-Diät im Social Web analysiert. Mit einem Monitoring-Tool haben wir eine Voranalyse zu diesem Thema gemacht, haben aber festgestellt, dass hier nicht die Masse, sondern die Klasse der Postings zählt. Aus forschungstechnischen Gründen haben wir uns deshalb auf Blogs, Foren und Portale fokussiert, die sich explizit und vorrangig mit Paleo-Ernährung beschäftigen. Diese digitalen Quellen stellen somit die Datenbasis für unsere inhaltsanalytische, qualitative Auswertung dar.

Einleitung: Die Steinzeiternährung

„Der Großteil des Supermarktmülls sind keine Nahrungsmittel, das ist totes Material, dieses ernährt uns nicht, diese Dinge machen uns krank!“ (Nutzer des Blogs Paleosophie)

Wir haben vergessen, auf unseren Körper zu achten. Daher konsumieren wir täglich Schadstoffe, die in unseren Lebensmitteln verarbeitet sind, ohne dies zu hinterfragen.
Wie wäre es sich wieder auf das Ursprüngliche zu besinnen und sich so zu ernähren wie unsere Vorfahren?
Unter Bloggern, die sich mit Ernährung und Diäten beschäftigen, ist eine neue Szene entstanden, die sich mit dieser Ernährungsform beschäftigt. Diese ist, wie bereits erwähnt auch unter dem Begriff Paleo bekannt. Bei Paleo steht die Reinheit, Ursprünglichkeit und somit Qualität der Lebensmittel und die natürliche Ernährung des Menschen im Fokus. Ganz getreu dem Motto: „Back to the Roots“.
Es wird keinesfalls verlangt, das komplette Leben in „steinzeitähnliche“ Zustände zu versetzen. Dabei soll nur das Essverhalten der Ernährung unserer Vorfahren nachgeahmt werden, da der Mensch durch evolutionäre Prozesse auf diese optimal angepasst ist.
Wer sich als moderner Mensch nach den Paleo Prinzipien ernähren will, nimmt hauptsächlich Fisch, Fleisch, Meeresfrüchte, Obst, Gemüse, Eier und Nüsse zu sich. Auf industriell verarbeitete Produkte sowie Lebensmittelzusatzstoffe wie beispielsweise Zucker, Konservierungsstoffe und Aromen sollte der moderne Steinzeitmensch verzichten.
Bei unserer Webanalyse sind wir auf verschiedene Topthemen gestoßen, die auf Blogs und in Foren vielfach diskutiert werden. Interessant ist es, wie die Nutzer den Weg zu Paleo finden und mit der anfänglichen Umstellung zurechtkommen. Die Bloggerszene tauscht sich zudem über die unterschiedlichen Motive für die Ernährungsumstellung hin zu Paleo aus. Auch kritische Stimmen werden gehört und mögliche negative Effekte von Paleo in Blogs geklärt. Es ist zu beobachten, dass es unterschiedliche Möglichkeiten gibt, Paleo zu leben, denn Paleo ist häufig keine Diät, sondern wird zu einer Art Ernährungs-Philosophie.

Consumer Journey: Wie wird man zum Paleoaner?

Den Erfahrungsberichten in den sozialen Medien zufolge, führt die Unzufriedenheit mit anderen Ernährungsformen in vielen Fällen dazu, sich nach Alternativen umzusehen. Um 2010 ist Paleo noch eine recht unbekannte Form der Ernährung, allerdings scheint das Thema populärer zu werden. Ab 2011 ist ein Anstieg des Interesses für Paleo im Web zu beobachten. In der Ernährungs- Bloggerszene bildet sich eine Paleo-Community heraus.
Dokumentationen berichten über die Steinzeiternährung und Blogger teilen ihre Erfahrungen über Paleo. Nutzer werden zum Beispiel über das soziale Umfeld oder Experten, wie dem eigenen Fitness-Trainer bzw. Ernährungsberater auf Paleo aufmerksam.
Unsere Analyse zeigt, dass Nutzer Erfahrungsberichte im Netz teilen und sich dazu äußern, dass die Ernährungsumstellung entweder radikal oder in kleinen Schritten umgestellt wird. Beispielsweise werden nach und nach Milchprodukte weggelassen und Kohlenhydrate reduziert.
Voraussetzung hierfür ist konsequentes Verhalten und der Austausch mit Gleichgesinnten. Dies zeigt sich in den zahlreichen Beiträgen in Blogs und Foren und der hohen Bereitschaft der Nutzer Erfahrungen und Probleme mit anderen Paleo Anhängern zu teilen. Aufgrund ihrer Erfahrungen raten Blogger, sich anfangs an die allgemeinen Paleo-Regeln zu halten und zu versuchen, diese Ernährungsumstellung 30 Tage durchzuhalten. Es ist wichtig, Paleo in den Alltag zu integrieren und sobald der erste „Carb-Kater“ durch den Kohlenhydratverzicht überstanden ist, gelingt nach Aussage vieler Paleoaner die Umstellung leichter.

Warum gerade Paleo?

Im Rahmen unserer Inhaltsanalyse des User Generated Content hat sich gezeigt, dass Paleoanhänger unterschiedliche Motive für eine Ernährungsumstellung zu Paleo haben. Um auf diese Motive zu stoßen, haben wir zunächst eine Inhaltsanalyse der Nutzerkommentare in den ausgewählten Blogs und Foren durchgeführt. Dabei hat sich herausgestellt, dass die wichtigsten Motive Gesundheit, Wohlbefinden, Sport und Fitness sowie Abnehmen sind.

„Ich habe seit dem Kleinkindalter Probleme mit Asthma und Neurodermitis. Seit ich mich nach Paleo ernähre, bin ich absolut beschwerdefrei!“ (Nutzer des Blogs Eat-Performance)

Schlechte Ernährung kann zu vielen Autoimmun- und Volkskrankheiten führen. Beispielsweise Diabetes Typ 2, Asthma und Schilddrüsenkrankheiten. In Blogs wird deutlich, dass es vielen Nutzern mit dieser Ernährungsform gelingt, Krankheiten vorzubeugen oder ihre Symptome zu lindern. Dies ermutigt viele Menschen auf Paleo umzusteigen mit der Hoffnung gesund zu bleiben bzw. zu werden.

„Ich fühle mich unglaublich wohl in meinem Körper, bin fit, wach, aktiv und leistungsfähig wie nie. Weniger Schlaf, mehr Sport. Zwei Dinge die ich nicht für möglich gehalten habe. […] Go Paleo!“ (Nutzer des Blogs Eat-Performance)

Durch Paleo fühlen sich viele aktiver, fitter und wohler. Diese Einschätzungen wirken sich auf die Gesamtstimmung aus, man ist somit einfach glücklicher. Durch das gesteigerte Wohlbefinden und das neue Körpergefühl, wird auch beispielsweise die Lust erhöht und einige sprechen über ein besseres Sexualleben.

Außerdem schwärmen Paleo Anhänger von einem erholsameren Schlaf:
„Ich komme abends leichter in den Schlaf und morgens besser aus dem Bett.“ (Nutzer des Blogs Eat-Performance)
Das weit verbreitete Mittagstief bleibt bei vielen aus und Paleoaner berichten zudem über neue Lebensenergie und damit verbundener Motivation sich zu bewegen.

„Ich wurde immer besser im Lauftraining, da ich statt nur Kohlenhydrate zu zuführen, ich noch viel mehr Vitamine und andere Mikronährstoffe zu mir nahm. […]“ (Nutzer des Blogs Urgeschmack)
Durch natürliche Lebensmittel erhält der Körper wichtige Nährstoffe, welche die Leistungsfähigkeit steigern. Paleo ist also auch eine attraktive Ernährungsvariante für Sportler. Beispielsweise berichtet der Blog Eat-Performance über Crossfit Sportler, die Ihre Ernährung nach Paleo ausrichten, um so ihre optimale Leistung zu erbringen.

„Wie habe ich es geschafft in nur 6 Monaten 30 Kilo zu verlieren? […] Die Antwort darauf enthält zwei Zauberwörter: Ernährungsumstellung und Paleo Ernährung!“ (Nutzer des Blogs Chichi-kitchen)
Neben den oben bereits erwähnten Motiven auf Paleo umzusteigen, zeigen die Nutzerkommentare in den analysierten Blogs und Foren, dass der Einstieg erstmals mit dem Gedanken an eine Diät erfolgt und die Reduktion des Gewichts eine zentrale Rolle spielt. Gegenüber anderen Diäten liegt der Vorteil bei Paleo darin, dass Heißhungerattacken sowie der Jojo-Effekt ausbleiben und es nicht nötig ist, Kalorien zu zählen. Die zahlreichen Erfolgsgeschichten machen deutlich, dass Paleo sehr häufig über diesen anfänglichen Diät-Zeitraum hinweg weitergeführt und zu einer Ernährungs-Philosophie stilisiert wird:

„Vor 1 ½ Jahren habe ich von heute auf morgen meine Ernährung komplett auf Paleo umgestellt. […] Paleo [ist]für mich die perfekte Ernährung um meinem Körper den verdienten Respekt zu geben und ihn zu unterstützen.“ (Nutzerin des Blogs Paleosophie)

Neben dem positiven Effekt des Abnehmens, schwärmen Nutzer zudem von einem besseren Lebensgefühl. Nach dem Erreichen des Wunschgewichtes wollen viele nicht mehr auf das neu gewonnene Wohlbefinden verzichten und integrieren somit Paleo in ihren Alltag.

Was sagen die Kritiker…

… zur Umstellung?
Anfänglich können bei der Umstellung von der gewohnten Ernährung auf Paleo unterschiedliche Probleme auftreten. Dazu gehören Müdigkeit, Magen- und Darmbeschwerden, die laut der Blogger meist auf den „Carb-Kater“ in der Anfangsphase zurückzuführen sind. Auf dem Blog Urgeschmack lassen sich ausführliche Leidensgeschichten finden, bei denen Nutzer über Beschwerden klagen, die sich dauerhaft auf ihr Wohlbefinden auswirken:

„Es geht mir mies. Ich bin müde, unkonzentriert, launisch, habe nur noch Kopfschmerzen, mein Zyklus ist völlig zusammengebrochen und als mein weibliches Problem dann eintrat, war es so schlimm, dass ich völlig außer Gefecht gesetzt war.“ (Nutzer des Blogs Urgeschmack)
Vereinzelt klagen die Paleoaner auch über gesundheitliche Probleme wie Haarausfall und Blähungen.

… zum Fleischkonsum?
Viele Kritiker merken an, dass die Paleo Ernährung hauptsächlich auf Fleisch basiert. Die Analyse verschiedener Blogs zeigt jedoch, dass Paleo nicht unbedingt mit einem hohen Fleischkonsum gleichzusetzen ist. Qualität vor Quantität lautet hier die Devise – denn Paleoaner legen viel Wert auf Fleisch aus artgerechter Haltung.
„Jedoch muss ich sagen, dass mir das Ganze zu fleischlastig ist und ich nicht an „wirklich ökologisches Fleisch“ herankomme, von den Preisen mal abgesehen.“ (Nutzer des Blogs Paleosophie)
Ob man sich diese Hochwertigkeit leisten kann, ist für viele Nutzer natürlich auch eine Frage des Budgets.

… zu Sport und Paleo?
Vor allem Leistungssportler äußern ihre Bedenken über die Paleo Ernährung. Diese enthält ihrer Meinung nach zu wenige Kohlenhydrate, die für die Energiezufuhr beim Sport jedoch nötig sind, um die volle Leistung erbringen zu können.
„Leider bin ich seit meiner Paleo-Ernährung (jetzt 27 Tage) beim Joggen von meiner vorherigen Leistungsfähigkeit entfernt.“ (Nutzer des Blogs Urgeschmack)
Diesem Argumten begegnen Blogger, in dem sie äußern, dass Fett sogar ein effizienterer Energielieferant ist als Kohlenhydrate und somit auch Sportler von dieser Ernährungsweise profitieren können.

Wie lebt man Paleo?

Einige Paleoaner leben strikt nach den Paleo Regeln, andere hingegen passen die Ernährung individuell für sich an. Fakt ist, dass jeder Mensch unterschiedliche Voraussetzungen mitbringt. Manche Menschen reagieren beispielsweise empfindlich auf Lebensmittel, die für andere wiederum sehr gut verträglich sind.
Rainer Mill vom Blog Rainer Paleo kategorisiert dafür unterschiedliche Paleotypen nach ihren Essgewohnheiten:
Der intensiv Sporttreibende Paleoaner braucht ausreichend Kohlenhydrate, weshalb viele Sportler zusätzlich Süßkartoffeln in ihr Ernährungskonzept einbauen. Wiederum andere können oder wollen nicht auf Milchprodukte wie Milch und Käse verzichten.
Der fastende Paleoaner orientiert sich sehr stark an Gegebenheiten in der Steinzeit. Er lässt regelmäßig sein Abendessen ausfallen, da sich auch die Steinzeitmenschen nicht immer ausreichend mit Lebensmitteln versorgen konnten. Manche führen auch bewusst einen Cheat-Day ein, an welchem sie die Paleo Regeln brechen oder gönnen sich ab und zu eine Ausnahme wie beispielsweise ein Gläschen Wein, eine Kugel Eis oder auch ein Stück Pizza.

Von der Diät zur Ernährungsphilosophie.

„Was am Anfang als Steinzeit Diät gedacht war, hat sich bei mir zu einer neuen Lebensweise entwickelt.“ (Nutzer des Blogs Rainerpaleo)

Im Gegensatz zu Paleo ist eine Crash Diät das einzige Ziel innerhalb kürzester Zeit möglichst viel abzunehmen. Dabei wird keine Rücksicht auf den Körper genommen, sich einseitig ernährt oder sogar gehungert. Nachdem das Wunschgewicht erreicht wurde, fällt der Abnehmende in alte Essgewohnheiten zurück was in den meisten Fällen zu einem Jojo-Effekt, Gewichtszunahme und Unzufriedenheit führt. Ein langfristiges Erfolgserlebnis bleibt damit aus. Diese Argumente werden von Paleoanern angeführt, die zuvor verschiedene Diätformen und Ernährungsweisen zur Verbesserung ihres Wohlbefindens für sich getestet haben.
Obwohl viele über eine Diät auf Paleo stoßen, hat Paleo laut der spezialisierten Bloggerszene wenig mit der radikalen und schnellen Gewichtsreduzierung zu tun. Das Hauptziel von Paleo ist die Ernährung dauerhaft auf den eigenen Körper abzustimmen und damit Verantwortung für seine Gesundheit zu übernehmen.
Paleo ist nicht in die Kategorie der Diäten einzuordnen, sondern ist eine Ernährungsform wie beispielsweise Veganismus. Somit kann Paleo für die Hardcore-Paleoaner zur Lebenseinstellung oder Philosophie werden. Es hat sich gezeigt, dass sich eine Paleo-Community herausbildet, die in letzter Zeit stärker wächst.
Paleo kann also ein gutes Fundament dafür sein, ein Bewusstsein für sich und für eine gesunde Ernährung zu schaffen. Aus vielen Erfahrungsberichten der Nutzer geht hervor, dass das Erreichen des Optimalgewichts nur ein positiver Nebeneffekt von Paleo ist und die Mehrheit der Paleo Anhänger eine bessere Lebensqualität anstrebt.

„Paleo hat mein Leben bereichert, mir viele unglaublich tolle neue Freundschaften geschenkt, mir meinen Traumjob ermöglicht und nicht zuletzt eine bessere Gesundheit.
Paleo changed my life!“
(Nutzer des Blogs Eat-Performance)

Infobox:
– Bilden von Suchqueries und anschließende Recherche mit Suchmaschinen (ausschließlich deutschsprachige Ergebnisse im Zeitraum von einem Monat)
– Kategorisierung des Outputs (50 – 60 Links) nach Themen (z.B. Ernährung, Fitness, Gesundheit, Sport)
– Blogs und Foren als Analysegrundlage
– Auswahl von 11 Blogs/Foren anhand von Themen, Aktualität und Anzahl Nutzerkommentare
– Qualitative Analyse der Foren/Blogs

Infos zu den Blogs:
– Relevante Paleo-Blogs: Paleosophie, Urgeschmack, Rainerpaleo, Eat Performance, Paleo360
– Wachstum der Bloggerszene: Laut Google Trends ab 2011
– Blogger sind hauptsächlich Männer und sind selbst Paleoanhänger
– Ausgeglichene Verteilung von Männern und Frauen bei Blognutzern
– Viele Blogger veröffentlichen Dokumentationen oder Literatur zum Thema Paleo

Autorinnen:
Melanie Bauer
Hannah Schmid
Romina Kraus
Sarah Dörr

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