DA BLEIBT EINEM DOCH DAS LACHEN IM HALSE STECKEN … ODER? – (SOCIAL) WEB-REAKTIONEN AUF DIE HITLER-SATIRE ER IST WIEDER DA

0

Im Rahmen einer Social Media Research Lehrveranstaltung an der Hochschule Pforzheim konnten die Studenten des Studiengangs Marktforschung und Konsumentenpsychologie Erfahrungen mit Social Media Monitoring Tools und qualitativen Ansätzen in der Social Media Forschung sammeln. Die Studenten durften ihr Analysethema frei wählen und haben dazu kurze Analysen verfasst. Auf mafolution geben wir den Studenten eine Plattform, diese Analysen einem breiteren Publikum vorzustellen. Die Studentinnenm Lisa Frey, Carolina Lechner, Lena Schenk und Anja Timpe haben die Reaktionen und Diskussionen zum Kino Film „Er ist wieder da“ analysiert und im folgenden Artikel verarbeitet:

Der Plot:
Adolf Hitler ist wieder da. 69 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges erwacht Adolf Hitler (Oliver Masucci) in Berlin-Mitte. Die veränderte Umgebung, ausländische Mitbürger und Selfie schießende Passanten verwirren ihn. In einem Kiosk informiert er sich über die aktuelle politische Lage und ist über die neuen Zustände nicht sonderlich begeistert. Als der Angestellte des Senders MyTV, Fabian Sawatzki, ihm den Vorschlag unterbreitet mit ihm zusammen zu arbeiten, startet Hitler eine Karriere beim Fernsehen. In seiner Reise durch Deutschland begegnet er echten Bürgern, die ihn zu einem gefeierten TV-Start machen und sich von ihm in den Bann ziehen lassen, ohne jedoch wahrzunehmen, dass er weit mehr als ein Comedy-Star ist. Mit Hitlers Worten „damit lässt sich arbeiten“ und Bildern einer veränderten und rechts orientierten Gesellschaft endet der Film.

Die Analyse: Digitales Stimmungsbild zum Film

(Fast) jeder Film bietet Diskussionspotenzial – besonders mit einer solch aktuellen und sensiblen Thematik wie beispielsweise Ausländerfeindlichkeit. Daher ergab sich für uns die interessante und spannende Forschungsfrage, ob auch, wie über andere Filme, David Wnendts „Er ist wieder da“ im Social Web diskutiert wird. Was wird gesagt, und vielmehr: Wie wird darüber diskutiert? Und letztendlich: Wo wird über den Film diskutiert?
Zunächst wurden hierzu die Social Media Reaktionen ganzheitlich betrachtet, um relevante Themen für die Analyse eines Kinofilms auszuwählen. Daraus ergaben sich verschiedene Kategorien (wie z.B. Machart des Films, Schauspielleistung, etc.), die im Anschluss speziell für Wnendts Film tiefergehend betrachtet wurden. Folgende Themenstellungen ergaben sich daraus: Wirft der Film eine ethisch-moralische Diskussion auf und polarisiert er im Netz? Diskutieren die Nutzer von Social Media auch darüber, wie gelungen die Adaptierung von Timur Vermes Roman ist? Interessieren sie sich mehr für die Inhaltliche Botschaft des Filmes, oder sind rein cineastische Elemente wichtiger? Des Weiteren sollte auch die Tonalität der Beiträge analysiert werden: Gibt es starke Meinungen zum Film, und in welche Richtung gehen diese? Das heißt, wurde dieser eventuell besonders positiv oder negativ wahrgenommen? Oder diskutieren die Menschen auf einer eher sachlich-neutralen Ebene?

Unterschiedliche Quellen zur Analyse

Unterschiedliche Quellen zur Analyse

Um einen ersten Überblick der Reaktionen in den sozialen Medien zum Film Er ist wieder da zu bekommen, wurden die einschlägigen Kanäle Twitter, Facebook und Instagram mit einem Monitoring Tool untersucht. Allerdings finden sich in diesen Kanälen nur sehr oberflächliche Informationen, wie der Kinobesuch an sich war oder undifferenzierte Meinungen zum Film. Da es für unsere Fragestellung aber eine tiefergehende Auseinandersetzung mit den inhaltlichen Aspekten bedarf, bietet sich stattdessen eine qualitative Inhaltsanalyse von Blogeinträgen, Kino-Portalen, Online-Zeitungsartikeln und den dazugehörigen User-Kommentaren in den jeweiligen Kanälen als geeignetste Methode an. Die Autoren der analysierten Beiträge beschäftigen sich ausführlich und vor allem tiefergehend mit dem Film, so dass für die Fragestellung relevante Erkenntnisse gewonnen werden können. Die Auswahl der Quellen wurde unter anderem anhand von geeigneten Suchqueries ermittelt. Hierbei wurden insgesamt 27 Blogeinträge und Filmkritiken, vier Online-Zeitungsartikel und knapp 100 User-Kommentare für die Analyse herangezogen. Der Kinofilm „Er ist wieder da“ wurde zwar inhaltlich tiefgehend, jedoch weniger häufig diskutiert, was eine breite Analyse der Quellen ermöglichte. Die Auswahl der zur Analyse genutzten Kommentare erfolgte bei Quellen, die eine große Anzahl an Kommentaren aufwies, stichprobenartig, in anderen Fällen wurde eine Vollerhebung der Kommentare durchgeführt.

Kontroverse Diskussion über die Wahl des Genre Satire in Zusammenhang mit Hitler

Hitler und Satire – das passt nicht für jeden zusammen. Das haben auch die Reaktionen im Social Web gezeigt. Die Hitler-Verfilmung trifft beim heutigen Publikum einen Nerv und regt gleichzeitig zum Nachdenken an. Ein Nutzer fasst zusammen: „Darf man über Hitler lachen und wenn ja, gibt es Grenzen und wann sind diese erreicht?“. Vielen bleibt das Lachen da doch eher im Halse stecken. Doch insgesamt werden weniger ethische Bedenken von sogenannten „Berufsmoralisten“ ausgesprochen als in der Ausgangshypothese angenommen. So stellen viele die eben genannte Frage, halten sich jedoch dabei zurück, Position zu beziehen. Trotzdem werden Bedenken ausgesprochen, die sich darauf beziehen, ob dieser Film massentauglich ist, da vielleicht nicht alle Zuschauer die satirische Botschaft als solche erkennen und verstehen. Dies bezieht sich vor allem auf Passagen, in denen halb-dokumentarisch die Begegnungen von Passanten mit Hitler aufgenommen wurden. Diesen Passanten werden vom gespielten Hitler rechte Meinungen in den Mund gelegt.
Genau diese Passagen, die als „Mockumentary“ bezeichnet und bei denen „reale“ Personen mit in die Handlung einbezogen werden, sorgen für großes Diskussionspotenzial: „Aber oft bleibt unklar, wieviel bei diesen Sequenzen inszeniert ist, und mit diesen Unschärfen spielt Wnendt virtuos. […] Dieses Spiel mit den Erzähl- und Realitätsebenen macht den Film sehr unterhaltsam“. Andere jedoch finden diese Passagen eher geschmacklos oder unprofessionell: „Mit ‚Adolf‘ sollte man keine Witze machen. Der Schuss geht nach hinten los. Ahnungslose Menschen auf der Straße verarschen und provozieren kann jeder. Das ist eine Form von Volksverhetzung. Irgendwie nicht besonders lustig. Traurig aber wahr!“, sagt zum Beispiel ein anderer Nutzer. Einig sind sich aber die Nutzer darüber, wie erschreckend es ist, dass sich doch so viele Menschen von Masuccis Hitler mitreißen lassen und rechtes Gedankengut, zum Beispiel in Bezug auf Ausländer vor laufender Kamera widergeben. „Die Hemmschwelle, dieses [braune Gedankengut]offen auszusprechen scheint jedenfalls in Gegenwart von Hitler in Uniform gen Null zu sinken. Und das erschreckt, denn nicht alle Szenen in diesem Film sind gestellt oder mit Schauspielern besetzt.“

Die Flüchtlingskrise wird diskutiert

Dadurch, dass Hitler im Jahre 2014 in Deutschland wieder erwacht, schafft schon die Eingangsstory eine Brücke in die heutige Zeit. Doch auch thematisch passt Regisseur David Wnendt vieles auf die heutige Gesellschaft an, indem er „seinen“ Hitler keine antisemitischen Parolen von sich geben lässt, sondern Ausländerfeindlichkeit anspricht. Diese wird von den Nutzern in keiner Weise in Frage gestellt und stark mit den heutigen Ereignissen rund um PEGIDA und die Flüchtlingskrise verbunden: „In Zeiten, in denen wieder Flüchtlingsheime angesteckt werden, ist dies nicht nur ein sehr komischer, sondern auch ein wichtiger Film.“ Somit wird der Kinozuschauer zum Nachdenken angeregt und „mit der Frage konfrontiert, was denn nun wirklich wäre, wenn Adolf Hitler wieder auftauchen würde“. „[Würde] der Aufstieg eines ähnlichen Demagogen [heute wieder]funktionieren?“, fragt sich zum Beispiel stellvertretend ein Nutzer. Man ist sich im Netz im Großen und Ganzen einig, der Film zeige eindrücklich, dass das erschreckenderweise der Fall sei: „Es gibt Szenen mit ‚echten‘ Menschen. […] Und die Meinung derer ist erschreckend. Erschreckend feindlich gegenüber Neuem, gegenüber Menschen aus anderen Ländern und gegenüber der Frage, ob sie Hitler erneut folgen würden. Die Antwort ist meist ein Ja. Leider.“
„Der Film kommt genau zur ‚rechten‘ Zeit ins Kino und ist damit unfreiwillig passend zum Zeitgeschehen.“ Bezugnehmend vor allem auf die Flüchtlinge, die seit einigen Monaten nach Deutschland kommen, sind sich die Nutzer darüber uneinig, ob ein Kinofilm, geladen von ausländerfeindlichen Inhalten und eng mit der traurigen Vergangenheit Deutschlands verbunden, gerade jetzt in den Kinos erscheinen sollte.

Aktualität des Filmes wird vor allem in Zeitungen diskutiert

Die untersuchten online-Zeitungsartikel unterscheiden sich im Wesentlichen von den Kritiken und Kommentaren dadurch, dass sie die Aktualität des Films weiter aufgreifen. Neben Diskussionen zu PEGIDA-Demonstrationen und der Flüchtlingskrise fordern sie, dass sich Deutschland von seiner geschichtlichen Vergangenheit löst, um seine eigenen Interessen vertreten zu können, zum Beispiel in Zusammenhang mit der Griechenlandkrise: „Es ist dieser [deutsche]Selbsthass, der dazu führt, dass wir unsere Interessen nicht vertreten. Das fängt bei dem Milliardengrab Griechenland an und setzt sich beim Milliardengrab Massenimmigration fort.“

Regisseur und Hauptdarsteller überzeugen

Eine solch schwer umzusetzende Thematik bedarf Mut und Scharfsinnigkeit von Seiten der Regie, was laut Social-Media-Nutzer mit David Wnendt sehr gut gelungen ist: „Auch in seiner dritten Kinoarbeit verlässt sich David Wnendt (Kriegerin, Feuchtgebiete) auf sein gutes Gespür für Tabubrüche und Gratwanderungen.“
Für Überraschung und Irritation bei den Usern sorgte die Wahl des Theaterschauspielers Oliver Masucci für die Rolle des Hitlers, wandelte sich jedoch schon zu Beginn des Films in Begeisterung. Über die Nebenrollen, zum Beispiel von Christoph Maria Herbst oder Katja Riemann, wird im Gegensatz dazu wenig gesprochen, was vermutlich der sehr starken und markanten Hauptfigur zu verdanken ist.

Film ist trotz polarisierenden Reaktionen im Social Web empfehlenswert

Er ist wieder da ist ein Film, der im Social Web stark polarisiert und zu dem jeder Nutzer eine Meinung hat, sei diese positiv oder negativ. Der Film wird jedoch insgesamt positiv bewertet und weiterempfohlen, unter anderem aufgrund seines Unterhaltungswertes einerseits und dem durch die Handlung angeregte Denkanstoß andererseits. Dies spiegelt beispielsweise folgendes Kommentar wider: „Schade dass es deutsches ‚Kino‘ nicht mehr sehr oft schafft diesen Crossover aus Unterhaltung, Witz, Satire und Ernst auf die Leinwand zu bringen.“
Regie und Schauspielleistung spielen bei den Diskussionen in den sozialen Medien eine Rolle, sorgen jedoch nicht für hitzige Diskussionen wie die oben genannten ethischen Gesichtspunkte und den Parallelen zu aktuellen Ereignissen. Entgegen unseren anfänglichen Erwartungen werden ethische Bedenken allerdings vor allem in Zusammenhang mit der Möglichkeit einer Wiederholung der Geschichte angesprochen, jedoch weniger, ob ein solcher Film heute vertretbar ist.
Folgendes Zitat spiegelt die generelle Meinung umfassend wider: „Er ist wieder da ist gleichzeitig schwarze Komödie und erschreckende Bestandsaufnahme des braunen Gedankengutes in Deutschland. Es gibt Momente, die sind unbestreitbar lustig. Aber es gibt weit mehr, bei denen es auffallend still im Kinosaal wurde. Denn der Film könnte kaum aktueller sein. Und bringt auf recht unkonventionelle Art hervor, was in deutschen Köpfen so abgeht. Und es bräuchte nur einen starken Führer, damit die Massen wieder mitrennen und alles mitmachen würden.“
Das im Kommentar erwähnte „braune Gedankengut“, das im Film von einigen der „realen“ Menschen widergegeben wird, tauchte möglicherweise auch in den Kommentaren zu online-Zeitungsartikeln und Filmkritiken bzw. Blogeinträgen auf. Die Betreiber der Seiten entschieden sich jedoch dafür, diese zu löschen, weshalb die Analyse kein umfassendes Bild aller Nutzer sozialer Medien geben kann.

Es ist zu erwarten, dass sich die Reaktionen älterer, meist weniger internetaffiner Personen auf diesen Film von den analysierten Beiträgen unterscheiden. Diese Zielgruppe ist durch die angewandte Methode jedoch unterrepräsentiert. Ebenso zu beachten ist, dass die Meinungen, die im Internet widergegeben werden, klare Positionen aussprechen und somit noch stärker der Eindruck vermittelt wird, dass der Film polarisiert. Es besteht trotzdem die Annahme, dass aufgrund der Brisanz des behandelten Themas der Kinofilm auch in der „analogen“ Welt ähnlich diskutiert wird.

Methodenbeschreibung:
• Erster Überblick über Reaktionen im Web mithilfe des Freeware Tools Social Searcher – Ergebnis: Kanäle wie Facebook und Twitter für Fragestellung nicht geeignet
• Stattdessen Qualitative Inhaltsanalyse von folgenden Kanälen
• Analysierte Kanäle: 27 Blogeinträge und Filmkritiken (z.B. kino.de, wieistderfilm.de)
4 Online-Zeitungsartikel (z.B. zeit.de, focus.de)
Ca. 100 User-Kommentare (z.B. bei moviepilot.de, tagesspiegel.de)

Autorinnen:
Lisa Frey, Carolina Lechner, Lena Schenk und Anja Timpe

Share

Über den Autor

Comments are closed.