Rezension: Der ganz normale Change-Wahnsinn

0

Wer das Niveau zeitgenössischer Managementliteratur als Gradmesser für die geistige Verfassung ihrer Leser heranzieht, wird mit Fug und Recht erschüttert sein. Viele dieser Titel gehen häufiger in Bahnhofsläden als dem Fachbuchhandel über die Theke und richten sich dabei offenbar an eine Zielgruppe, die gehörig unter Druck steht. Die Texte sind für Eilige geschrieben, einfach, plakativ und oberflächlich. Die gebetsmühlenartige Bekräftigung von Selbstverständlichkeiten erinnert eher an Durchhalteparolen; es geht jedoch nur selten um die Vermittlung wirklich neuer Einsichten. Stattdessen sollen kleine Übungsaufgaben an den Kapitelenden Praxisbezug signalisieren, münden in eben dieser Praxis aber erfahrungsgemäß leider doch viel zu häufig in blinden Aktionismus. Vermutlich ist die Qualität solcher Literatur deshalb nicht nur die Folge, sondern auch der Grund dafür, warum das Management in vielen Fällen vollkommen überfordert scheint.

Das trifft auch und gerade auf den Umgang mit Change Management zu: In einer zunehmend komplexeren Businesswelt wird der Wandel immer dringlicher, während den Führungskräften häufig gar nicht recht klar ist, wie dieser Wandel eigentlich konkret vollzogen werden soll. Genau diesem Thema widmet sich das Buch von Nina Leffers, Sebastian Morgner, Thomas Perry und Robert Wreschniok „Der ganz normale Change-Wahnsinn“, das diesen Februar im Murmann Verlag erschienen ist.

Das Buch ist zwar hochwertig produziert, weckt beim ersten Eindruck jedoch trotzdem nur geringe Erwartungen. Das liebevoll illustrierte Wimmelbild des Covers erinnert einfach zu sehr an die eingangs beschriebene Trivialliteratur für Manager und auch der Blick ins Inhaltsverzeichnis scheint diese Befürchtung nur zu bestätigen: der Bauplan des Buches kann schnell erfasst werden und vermittelt innerhalb weniger Minuten das Gefühl, einen hinreichend guten Überblick über die Inhalte gewonnen zu haben.

Das Buch gliedert sich in vier Kapitel, die jeweils ein zentrales Aktionsfeld zum Change Management behandeln: Sinn stiften, Ergebnisse realisieren, Ideen generieren und Struktur schaffen. Innerhalb der einzelnen Kapitel werden zunächst die Faktoren für das Scheitern in diesen Handlungsfeldern diskutiert, bevor die entsprechenden Erfolgsfaktoren ausführlicher beschrieben werden. Am Ende der Kapitel schließlich wird das jeweilige Aktionsfeld zu einem idealtypischen Agenten des Wandels verdichtet, der als Manager oder Mitarbeiter zum erfolgreichen Gelingen beitragen kann. Mit genau diesem Wissen gelingt es dem Leser mühelos, das Buch in kürzester Zeit quer zu lesen. Typische Managementliteratur also?

Nein! Erfreulicherweise zeigt das Buch unterhalb seiner oberflächlichen Navigierbarkeit gehörig Tiefgang. Gerade weil Change häufig am naiven Vertrauen der Manager in simple Erfolgsrezepte scheitert, möchten es sich die Autoren hier nicht einfach machen. In einer verständlichen und klaren Sprache schreiben sie deshalb mit differenzierten Argumenten gegen allzu triviale Maßnahmen an. Und die Gratwanderung glückt!

Vor allem mit den bewährten vier Grundzutaten guter Marktforschung wird hier ein hervorragendes Ergebnis erzielt: sorgfältige Recherche des Forschungsstandes, empirische Befunde aus über 60 Experteninterviews, eine unvoreingenommene und differenzierte Darstellung der Ergebnisse und ein klarer Praxisbezug mit Handlungsempfehlungen. Auf diese Weise vermittelt das Buch geschickt zwischen seiner anspruchsvollen und vielschichtigen Materie und der von plumper Veränderungsrhetorik entnervten Zielgruppe. Es nutzt dabei nicht zuletzt geschickt das eigene Wissen, um einen Sinnes-Wandel im Leser zu bewerkstelligen.

Dieses rundum ausgewogene Buch kann daher allen empfohlen werden, die Change verstehen oder gar aktiv gestalten möchten!

Nina Leffers, Sebastian Morgner, Thomas Perry, Robert Wreschniok
Der ganz normale Change-Wahnsinn. Und wie man trotzdem etwas verändern kann
Februar 2016, 240 Seiten, gebunden, mit Schutzumschlag: 30,00 €

Share

Über den Autor

Market Research | Sociology | Methods | Out-of-the-box thinking | Blogging

Comments are closed.