Monitoring @Hochschule: Sex auf den ersten Match

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Einleitung: „14 Millionen Deutsche verschicken Sex-Selfies! Mit einem Wisch zum Abenteuer – Deutsche lieben Dating-Apps. 43 Prozent der Männer und 30 Prozent der Frauen haben sich schon per Smartphone durch die Kontaktanzeigen des 21. Jahrhunderts getippt, geliked und geswitched“ titelte die Bild und bezieht sich dabei auf eine Forsa Umfrage.

Im Rahmen einer Social Media Research Lehrveranstaltung an der Hochschule Pforzheim konnten die Studenten des Studiengangs Marktforschung und Konsumentenpsychologie Erfahrungen mit einem Social Media Monitoring Tool sammeln. Die Studenten durften das Thema frei wählen und haben dazu kurze Analysen verfasst. Auf mafolution geben wir den Studenten eine Plattform, diese Analysen einem breiteren Publikum vorzustellen. Die Studentinnen Anastasia Kovalenko und Anastasia Wolff haben die Dating-App Tinder im deutschsprachigen Web untersucht. Sie kennen Tinder nicht? Dann lesen Sie die Analyse und den Artikel. Vielleicht werden Sie sich wundern, warum es sprachlich deutlich zur Sache geht? Die Studentinnen haben sich dazu entschlossen, charakteristische Findings auch sprachlich so darzustellen, wie bei oder über Tinder gesprochen wird.

Hier die Analyse un der Artikel von Anastasia Kovalenko und Anastasia Wolff: Sex auf den ersten Match

handy tinder

Ein paar Sätze gehen noch hin und her und eine halbe Stunde später klingelt es bei ihr an der Tür…

So oder so ähnlich könnte ein „Match“ bei Tinder ablaufen. Aber was genau ist Tinder eigentlich und wie funktioniert es?

Tinder ist eine mobile, kostenlose Dating-App aus den USA, die ihren Benutzern beim Kennenlernen von Menschen in der näheren Umgebung helfen soll.

Dank eines „Hot or Not“-Prinzips kommen nur Nutzer miteinander in Kontakt, die sich auf den ersten Blick attraktiv finden.

Die Profilerstellung bei Tinder ist ausgesprochen simpel und bequem. Die Einfachheit der App senkt die Nutzungsbarrieren. Außerdem ist den Nutzern sehr schnell klar, worum es bei Tinder geht. Mit anderen Worten: Das Produktversprechen ist einfach zu verstehen. Die Registrierung ist allerdings nur mit einem Facebook-Profil möglich. Dabei gewährt der User der Tinder App Zugriff auf alle relevanten Nutzerdaten, wie Name, Alter, Interessen, Freundeslisten, Fotos, „Gefällt-mir-Angaben“ etc. Desweiteren kann man in den Einstellungen der App seine Entdeckungspräferenzen bezüglich des gesuchten Geschlechts, Alters und Entfernung (maximal 160km) angeben. Basierend darauf und auf den Facebook-Daten bekommt man einen potenziellen Flirt-Partner vorgeschlagen.

Tinder wählt zunächst willkürlich fünf Fotos des Benutzers von seinem Facebook-Account aus. Der User kann sie nachträglich individuell ändern, jedoch müssen die Fotos auf dem Facebook-Profil vorhanden sein. Und schon kann das „Tindern“ losgehen! Die passenden Kandidaten erscheinen jeweils mit Profilfoto, Vorname und Alter. Man hat aber auch die Möglichkeit weitere Fotos – wenn vorhanden – anzuschauen.

„Dating ist Rating“

Bei Tinder ist, wie auch im realen Leben, der erste Blick ist mit entscheidend. Was der User der App noch können muss, ist zwischen rechts und links zu unterscheiden. Findet man die angezeigte Person attraktiv, wischt man nach rechts oder betätigt das grüne Herz („like“). Erscheint einem die Person unattraktiv, wischt man nach links bzw. drückt das rote Kreuz („nope“) und die Person verschwindet in der Versenkung. Der Nächste bitte!

„It´s a match!“ (Zitat eines Tinder-Nutzers auf Twitter)

Liken sich beide User, erscheint die Meldung „It´s a match“ und ein privater Chat kann gestartet werden. Wozu dieser letztendlich führen kann – ob zum schnellen Sex oder einer ernsthaften Beziehung – entscheiden die beiden Flirtwilligen selbst. Das folgende Video zeigt im Stil von Disney, wie sich Menschen heutzutage über Tinder kennenlernen. Im Rahmen unserer Projektarbeit haben wir die Dating-App Tinder mithilfe eines Social Media Monitoring Tools erforscht und versucht darzustellen, wie im sozialen Netz über die App diskutiert wird.

Die Tinder App erfreut sich großer Beliebtheit. Angeblich nutzen rund 50 Millionen Menschen weltweit die App, die seit September 2012 auf dem Markt ist. Täglich entstehen an die 15 Millionen „Matches“ und bei jedem fünften Match kommt es zu einem Date. In Deutschland, wo Tinder seit Ende 2013 bekannt ist, belaufen sich die Mitgliederzahlen mittlerweile auf rund 1,5 Millionen Bundesbürger. Die Betreiber der Dating-App geben keine Auskunft über die Nutzerstruktur. Mithilfe des Monitoring Tools konnten wir jedoch in Erfahrung bringen, dass die Geschlechterverteilung unter den Usern ungefähr bei 50/50 liegt. Die ursprüngliche Zielgruppe von Tinder waren die 18- bis 35-Jährigen, mittlerweile wird die mobile App jedoch genauso häufig von den über 35-Jährigen verwendet.

Die Vorteile der Tinder App liegen auf der Hand: Die Einfachheit durch das „Hot or Not“-Prinzip, die Benutzerfreundlichkeit und die Flexibilität, dass man die App überall und zu jeder Zeit benutzen kann. Mit dem Smartphone in der einen und einem Kaffee-Becher in der anderen Hand kann man die Partnersuche mit nur einem Daumen selbst auf dem Weg zur Arbeit einfach praktizieren. Im Vergleich zu traditionellen Dating-Portalen, wie beispielsweise Parship und eDarling, muss man bei Tinder keine Zeit damit verschwenden, seinen potenziellen Traumpartner in einer riesigen Datenbank zu suchen.

Jedoch sind auch die Nachteile der App nicht außer Acht zu lassen. Der obligatorische Zugriff auf persönliche Informationen über Facebook ist datenschutzrechtlich bedenklich. Außerdem kann durch eine Sicherheitslücke bei Tinder der genaue Aufenthaltsort eines beliebigen Tinder-Users bestimmt werden, was jedoch teilweise bereits verbessert wurde. Auch besteht die Gefahr, dass Personen sich mit falschen Profilen anmelden und diese u.a. für kommerzielle Zwecke nutzen.

„Jemanden um die Ecke zum Vögeln zu finden“

Mit Hilfe des Monitoring-Tools wurden Posts von offiziellen Medienseiten und der User Generated Content, also auch potenziellen Nutzern, getrennt voneinander analysiert. Die meisten Einträge und Medienartikel bringen zum Vorschein, dass Tinder als eine Art Sex App genutzt wird und die User häufig nach schnellen, unkomplizierten Bekanntschaften und One-Night-Stands suchen. „Sie können nicht mit jeder Frau dieser Welt schlafen. Das ist aber noch lange kein Grund es nicht wenigstens zu versuchen. Mit Tinder kommt man diesem Ziel sicher einen Schritt näher“.

Die Dating-App erleichtert es den Usern ohne Umwege, einfach und unkompliziert einen Sex-Partner zu finden. „Tinder ist das Knoppers unter den Dating-Plattformen, der Snack für Zwischendurch“. Wie dem Türsteher vor einem Club auch, genügt bei Tinder ein kurzer Blick, um zu entscheiden, ob heute noch aus der Bekanntschaft etwas wird oder nicht.

Das Interesse am Gegenüber verfliegt hier genauso schnell, wie das Wischen der angezeigten Profilfotos nach links oder rechts. Man bleibt nicht am Ball aus Angst, dass bei der nächsten Fingerbewegung nach rechts eine passendere Alternative auf einen warten könnte. Psychologisch betrachtet, bietet Tinder einen weiteren Benefit: Das Risiko sich beim Flirten zu blamieren oder einen „Korb“ zu bekommen, besteht beim Tindern schlicht und einfach nicht. „…doch auch der Kick, das Herzklopfen, die schwitzigen Hände und wackeligen Knie fehlen“.

„Wenn mir langweilig ist, tindere ich mal eine Runde“ (Tinder User auf Facebook)

Wie wir anhand der Monitoring-Ergebnisse feststellen konnten, gibt es typische Tinder-Situationen: User nutzen die App, um sich die Zeit zu vertreiben, sei es beim Warten auf den Bus, bei einer Zugfahrt oder nach einem anstrengenden Arbeitstag auf dem Sofa. Im Vergleich zu konventionellen Dating-Portalen spart man sich bei Tinder das mühsame Anschreiben von potenziellen Flirtpartnern, die eventuell kein Interesse an einem haben, da bei Tinder Personen nur bei gegenseitiger Sympathie miteinander in Kontakt treten können. „Einfach entspannt auswählen und schauen, was sich ergibt“.

„Wozu sich noch anstrengen, wenn es inzwischen nahezu charmefrei, mechanisch und rein virtuell geht?“ (Tinder User auf Twitter)

Vorbei sind die Zeiten, wo Mann abends in einer Bar auf eine Frau zuging und ihr ins Ohr flüsterte, dass sie bezaubernd aussieht und er sie kennenlernen möchte. Statt schöner Worte, romantischen Vorstellungen und Charme, wird heute nur noch gewischt. WLAN reicht dafür schon aus!

„Eine App, die das Selbstbewusstsein streichelt“

Bei Tinder bewertet man, ohne dabei eine unangenehme Zurückweisung befürchten zu müssen. „Man lehnt ab und wird ebenfalls abgelehnt, ohne es direkt zu spüren“. Wenn man eine Person liket, weiß man nicht, ob diese einen bereits bewertet hat oder nicht. Dadurch, dass keine sichtbare Abweisung stattfindet, man also nicht den sogenannten „Korb“ bekommt, bleibt eine seelische Verletzung aus. Diese Tatsachen könnten die Erklärung dafür liefern, dass die Useranzahl von Tinder bisher stabil ist und die Faszination immer noch anhält.

Durch das Monitoring ist es möglich unterschiedliche Zielgruppen oder Stakeholder zu untersuchen. User Generated Content und somit mögliche Nutzer schreiben und diskutieren Tinder nicht wie Journalisten. Mit Hilfe des Monitorings konnten wir Angaben zur Geschlechterverteilung machen, aber auch Hypothesen generieren, warum die App erfolgreich ist. Aus methodischer Sicht wäre ein Vergleich spannend zwischen den Social Media Daten und z.B. eine qualitativen Untersuchung mit Tinder-Usern.

 

 

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