Vom Marktforscher zum Insight Hacker

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Als ich neulich folgendes Interview in der t3n las, habe ich mir kurz die Augen gerieben und im Geiste das Wort „Hacker“ durch „Marktforscher“ ersetzt:

Was sind die wichtigsten Merkmale eines Hackers Marktforschers?

Vor allem die Offenheit gegenüber Neuem. Und ein tiefes Verlangen, hinter verschlossene Türen zu gelangen. In der Geschichte der Hacker Marktforscher geht es eigentlich immer um die Frage, wie etwas funktioniert oder was es bedeutet. Dazu muss man hinter die Fassade gelangen. Egal ob es eine echte, verschlossene Tür ist oder eine API zum Beispiel – mit dieser Idee kann man spielen.

Es geht immer um Antworten – und um den Nervenkitzel des Entdeckers, schließlich könnte hinter dieser Tür ein ganz neues Universum liegen! Darum, Dinge kaputt zu machen, wie es heute oft in den Medien dargestellt wird, geht es jedenfalls nicht.

Das Interview geht noch weiter, doch das Gedankenexperiment hört nicht auf zu funktionieren! Also experimentiere ich weiter…

Der Begriff Hacking hat in den letzten Jahren eine wahre Inflation erlebt. Alles mögliche wird „gehackt“: Urban Hacker hacken die StadtLife Hacker hacken den AlltagUnd Growth Hacker hacken das Wachstum im Unternehmen. Was aber heißt Hacken? Die Wikipedia schreibt, dass man unter einem „Hack oft eine verblüffend einfache, (manchmal) elegante und pfiffige Lösung eines nichttrivialen Problems versteht, was einen besonders geschickten Hacker als jemanden beschreibt, der die Dinge mit einfachen Mitteln angeht“.

Elegante Lösungen mit einfachen Mitteln, also! Wo der Methodenkoffer mit vermeintlichen Universalwerkzeugen gefüllt ist, braucht man natürlich keine Hacker. Wo fette Forschungsbudgets für die Replikation bewährter Studienformate bestehen auch nicht. Hacker braucht es dagegen vor allem dort, wo es kein Budget, keine Methodenanleitung oder Best Practice Examples gibt.

  • Budget: Bei Forschen ohne Budget denken wir sofort an DIY-Tools, und sehen das meist reflexartig mit Argwohn. Dabei ist es ja bei Licht betrachtet gar kein Problem, wenn man sich mit DIY neue Forschungsbereiche erschließt – schwierig ist nur die Kannibalisierung der professionellen Marktforschung durch die DIY-Marktforschung. Hier muss man also sicher differenzieren und darf nicht gleich in die Defensive gehen! Ganz im Gegenteil: aus der Gamification-Diskussion haben wir gelernt, dass langweilige Aufgaben spannend werden können, wenn man eine geschickte Herausforderung einbaut. Je kleiner das Budget, desto mehr Phantasie ist gefragt – Challenge Accepted, Insight Hacking is Fun!
  • Vorgehen: Haben wir es verlernt richtig zu forschen? Ich meine, replizieren wir bewährte Methoden nicht möglichst oft und nennen diese Module dann „Tools“? Exklusiv für den Kunden, exklusiv im Zeitpunkt der Erhebung aber in der Sache und Methode absoluter Mainstream. Langweilig wie Spülwasser. Doch auch das bricht langsam auf – und auch hier findet man wieder die Analogie zum Softwaredevelopment: „Agile Market Research“ versus „Waterfall Method“. Das ist freilich kein Hack (eher ein neues Tool), verweist aber auf das gleiche Problem – Marktforscher kämpfen zu selten um echte Erkenntnis, dafür umso häufiger um Replizierbarkeit und Skalierbarkeit. Den Hacker ehrt es aber nicht, eine bestehende Methode zu replizieren; er setzt seine Kreativität vor allem dafür ein, um Erster zu sein! Deshalb auch hier, Challenge Accepted – Insight Hacking is Fun!

Insight Hacker sind die Avantgarde der Marktforschung, sie betreten Neuland und kämpfen an der vordersten Forschungsfront (*räusper*). Die Erfahrungen, die sie hinter sich lassen, werden vielleicht irgendwann einmal zum Mainstream, wer weiß? Doch Insight Hacker ziehen weiter, es geht ihnen nicht um das Heranzüchten von Cash Cows, alleine das Neue und Unbekannte reizt,  der Ruhm des Entdeckers… – und genau deshalb braucht unsere Branche Insight Hacker: gerade sie halten die Marktforschung zukunftsfähig!

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Market Research | Sociology | Methods | Out-of-the-box thinking | Blogging

4 Kommentare

  1. Hallo Florian,
    wie immer sehr interessantes Gedankenspiel, und eigentlich schon mehr als das.

    Wenn man mal davon absieht, dass das Thema „Agile Research“ auch schon als Tool verkauft wird, bevor es überhaupt definiert ist (siehe gutcheck), so glaube ich, dass dort eine Menge Zukunft drin liegt.

    Das fängt schon an bei der Verabschiedung von dem ach so geliebten linearen Projektverlauf:
    „Feldphase – Analysephase – Reporting“. Vergesst Linearität. Diese Phasen verschmelzen, lösen sich wechselseitig ab, ergänzen sich und werden einzeln oder zusammen aufgetrennt und neu zusammengesetzt. Community-Research ist eigentlich ein Paradebeispiel dafür. Hier wurde bereits gehackt was das Zeug hält.

    Einzig wir selber verabschieden uns nicht von unserer (Sales)Logik, dass wir Tools und abgeschlossene Projekte verkaufen anstatt kontinuierlichen Support und nachhaltiges Consulting . Mal sehen, wie lange das noch gut geht….

  2. Danke Flo, sehr toller Artikel. Wie immer von Dir. Ich fühle mich sofort angesprochen und will auch (noch mehr) zum Insight oder Growth Hacker werden…

    Beim Lesen musste ich aber irgendwie auch an BrainJuicer in Deutschland denken – oder zumindest an unseren guten Daniel. So hätte ich BrainJuicer nämlich verstanden. Jahr für Jahr den Innovationspreis abzusahnen, zeigt, dass man zumindest versucht hat, die Dinge anders anzugehen. Aber dass man in Deutschland trotzdem kein Land gewinnen konnte, zeigt auch, wie gut gesichtert das Territorium ist, dass wir zu hacken versuchen. Trotzdem, ich breche gerne diese Lanze für das Insight Hacking.

  3. Ein toller Beitrag,

    Ich denke es ist Branchenspezifisch. Betritt man Neuland und verbindet die Erkenntnisse nicht direkt mit dem Namen „Marktforschung“ wird es schnell angenommen und akzeptiert, aber sobald man es als Marktforschung bezeichnet, kommen schnell die Gegenstimmen, um evtl. das klassische zu verteidigen.

    Manchmal sollte es auch möglich sein halbfertige Gedanken durchzuspielen, damit man Neue Wege erkennt.

  4. Vielen Dank für eure Kommentare; es freut mich, dass die Idee so eine große Resonanz erfährt.

    Auch ich halte Insight Hacking für ziemlich attraktiv und würde mich wie Alper gerne stärker in die Richtung (weiter-)entwickeln. Gleichzeitig habe ich natürlich auch viele offene Fragen – zur Rolle von Insight Hackern in der Fachöffentlichkeit, geeigneten Forschungsfragen, benötigten Skillsets von Insight Hackern, der Bedeutung einer Hacker-Forschungsethik, und und und…

    Dabei bin ich aber überhaupt nicht skeptisch, dass sich die Branche langfristig in diese Richtung bewegen wird. Auch die BrainJuicers dieser Welt werden irgendwann in Deutschland Land gewinnen können. Denn wie Christian zurecht schreibt, geht die alte Denke irgendwann nicht mehr gut. Die Änderungen, die dann aber einzuleiten wären, sind kultureller Natur – mit neuen Prozessen und Tools ist es da nicht mehr getan. Und irgendwie bin ich zuversichtlich, dass Agile Marktforschung, Insight Hacking und Konsorten diese neue Kultur des Forschens schon heute vorbereiten können.