Umfragen von Studierenden werden immer schlechter

5

Zu einer guten wissenschaftlichen Arbeit gehört das Erheben von Daten. Das war schon immer so, schließlich geht es in der Wissenschaft ja darum, neues Wissen zu schaffen. Während Studierende früher mühsam persönlich, schriftlich oder telefonisch Interviews durchführen und Sekundärdaten in Bibliotheken zusammensuchen mussten, stehen ihnen heute dank Internet zahlreiche Möglichkeiten nur einen Klick weit entfernt zur Verfügung.

Vor allem bei der Erhebung quantitativer Primärdaten macht sich das bemerkbar. Zahlreiche Universitäten unterhalten für Ihre Studenten Systeme, Onlinebefragungen durchzuführen – gerne in Kooperation mit professionellen Software-Anbietern. Dass diese Umfragen inhaltlich nicht immer die Qualität haben, die von einem Marktforschungsinstitut kommen würde, ist verständlich. Zumindest lernen die Akademiker aber so Verständnis im Umgang mit einer Software, die ihnen im späteren Berufsleben nützlich sein kann. Zudem beherrschen diese Systeme Funktionen, die über manchen inhaltlichen Mangel hinweghelfen.

Immer häufiger begegnen mir in letzter Zeit jedoch Umfragen, die weit entfernt davon sind, Forschung genannt werden zu können. Im besten Fall sind da laienhaft Fragen zusammengestückelt mit freien Softwarelösungen wie SurveyMonkey. Auch Umfragen unter Zuhilfenahme von Google Docs sind immer häufiger in meinem Posteingang. Und das sind noch die positiven Fälle, weil da immerhin noch versucht wird, eine gewissenhafte Erhebung durchzuführen.

Es begegnen mir aber in einem zunehmenden Ausmaß Untersuchungen, die diesen Namen kaum noch verdienen. Die sehen so aus wie in diesem Beispiel von Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach, der seine zunehmend genervten Antworten öffentlich gemacht hat. Es ist ein Paradebeispiel einer vollkommen vermurksten Befragung, die inhaltlich und technisch so weit von einer wissenschaftlichen Untersuchung entfernt ist, dass die letztendliche Bachelorarbeit wenigstens in dieser Hinsicht keine gute Note mehr erhalten dürfte.

Mein Problem ist gar nicht, dass das alles keine professionelle Marktforschung ist. Man kann von einem Bachelor-Studenten kaum verlangen, mehrere hundert Euro für eine Profi-Umfrage inklusive Beratung auszugeben oder erst noch einmal zwei Semester Statistik zu studieren, um danach während eines sechsmonatigen Praktikums in einem Institut Praxiswissen zu sammeln. Mich stört die Sorglosigkeit, mit denen die betreuenden Dozenten Konzeptionen und Fragebogen durchwinken. (Und ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie solcherlei Umfragen ausgewertet und analysiert werden.) Es ist klar, dass immer mehr Studenten in immer kürzerer Zeit durch das Studium geschleift werden müssen, dass Dozenten nicht selten eine kaum mehr handhabbare Menge an Abschlusswilligen betreuen müssen.

Das Ergebnis der laienhaften Massenabfertigung von Umfragen ist aber weitreichender als die Tatsache, dass eine Bachelorarbeit mit fragwürdigen Daten angereichert wird. Absolventen werden mit einer falschen Vorstellung von Wissenschaftlichkeit entlassen. Sie bekommen eine unrealistische Idee vom Aufwand für eine hieb- und stichfeste Befragung. Und letztlich gehen allen – Studenten und den Instituten – Befragte verloren, weil sie zu häufig und zu unprofessionell evaluiert werden.

Ich bin ehrlich gesagt ratlos, wie man dieser Entwicklung begegnen kann. Ich weiß nur, dass alle Seiten – die Wissenschaft, die Studenten, die Profis und die Befragten – verlieren werden, wenn diese Art von studentischen Untersuchungen weiter um sich greift.

Share

Über den Autor

Marktforscher seit 1999 (quant und qual), Social-Media-Verrückter, Blogger, Internetmensch.

5 Kommentare

  1. Alper Aslan am

    Hi Johannes,

    vielen Dank für diesen Beitrag. Ich beobachte dieses Phänomen auch schon eine ganze Weile in der Marktforschungs-Gruppe auf XING. Studenten laden Marktforscher zu Umfragen ein, die eigentlich völlig andere Zielgruppen ansprechen sollten.

    Neulich gab es einen sehr ähnlichen Fall, wie von Dir beschrieben: Eine junge Frau postet ihren Umfragenlink und erntet eine sehr lange, zum Teil sehr negative Reaktion als Antwort: https://www.xing.com/de/communities/posts/studie-zur-messung-von-kundenzufriedenheit-in-unternehmen-1000297693

    Daraus ergab sich dann wiederum die Idee, ein „Krabbelgruppen-Nachwuchs-Forum“ zu gründen, und derartigen Umfragen eine Plattform zu bieten: https://www.xing.com/de/communities/posts/krabbelgruppen-nachwuchs-forum-1000298304

    Studenten sollen dort ehrliches Feedback von Profis erhalten können und Gelegenheit bekommen, die Umfrage zu optimieren. Noch ist die Plattform nicht live, aber die grundsätzliche Idee ist gut. Die Frage ist nun natürlich: Wen können wir motivieren bei dieser Vielzahl an studentischen Umfragen als ehrlicher, öffentlicher (?) Feedback-Geber zu agieren? Wie viel kann man durch solch ein Forum überhaupt retten? Auch die Studenten haben selten die Zeit, um alles zu verwerfen und neu zu beginnen…

    Was denkst Du?

    Viele Grüße
    Alper

    • Die Idee ist gut. Wenn ich mir aber vor Augen führe, wie der gemeine Dozent so tickt, glaube ich nicht an einen Erfolg. Das hieße ja, dass ich einen Fragebogen, den ich mit meinem Dozenten abgestimmt habe, von den Profis verworfen wird, woraufhin der Dozent über seinen Schatten springen und zugeben müsste, dass er etwas falsch eingeschätzt hat. Das entspricht nicht dem Hochschullehrertypus, den ich schon viel zu oft kennengelernt habe.

      Dazu kommt sicherlich der zeitliche Aspekt. Bei einer Bachelorarbeit hat man nur wenige Wochen Zeit für die Recherche und Analyse, da kommt ein langwieriger Abstimmungsprozess nicht gerade gelegen.

      Andererseits wäre es wahrscheinlich fahrlässig, wenn man nicht wenigstens das Angebot macht. Wenn nur eine Umfrage dadurch besser wird, haben wir ja schon gewonnen.

  2. Felix Schyle am

    Hallo Johannes,

    vielen Dank für deinen Artikel, das ist wirklich ein spannendes Thema über das dringend diskutiert werden sollte! Auch ich habe in den letzten Monaten an zahlreichen Befragungen teilgenommen, die diesen Namen gar nicht verdient hatten. SurveyMonkey und Google Docs sind dabei im Übrigen noch harmlos, teilweise werden von Studenten auch einfach Fragen per Nachricht auf Facebook verbreitet oder gar per Whatsapp versendet. Ich habe aber umgekehrt auch schon an sehr guten Befragungen bei SurveyMonkey teilgenommen, das Problem sind also wohl tatsächlich nicht (nur) die neuen und einfachen Softwarelösungen.

    Da ich Marktforschung studiert habe und selbst erst vor kurzem meine Abschlussarbeit geschrieben habe, kann ich das Thema vielleicht nochmal eher aus studentischer Sicht beleuchten. Wie Du schon sagtest kann natürlich nicht von jedem Studierenden jeder Fachrichtung erwartet werden, dass er eine aus marktforscherischer Sicht gute Umfrage abliefern kann. Nicht umsonst gibt es schließlich MaFo-Studiengänge wie etwa in Pforzheim oder die Ausbildung zum Fachangestellten für Markt- und Sozialforschung.

    Ich denke es scheitert aber auch nicht grundsätzlich an den Fähigkeiten der Studierenden, sondern eher an der richtigen Motivation der Studenten selbst sowie an der Betreuung der Professoren und Dozenten. Man hat oft den Eindruck, dass kurze Befragungen mittlerweile einfach zum guten Ton gehören und eine Abschlussarbeit ihren wissenschaftlichen Charakter verlieren würde, wenn nicht zumindest ein paar Zahlen aus einer Umfrage mit hineinfließen. Und das leider unabhängig vom Thema der Arbeit oder dem Studiengang. Woher dann diese Daten kommen und ob sie gar reliabel und valide sind hinterfragen wohl viele Professoren nicht mehr.

    Viele Studierende sehen die Befragung deshalb als notwendiges Übel, nicht selten sehen sie wohl selbst keinen tatsächlichen wissenschaftlichen Hintergrund. Wenn es aber keinen erkennbaren Grund für die Durchführung einer Befragung gibt darf es auch nicht wundern, dass dann der schnellste Weg gesucht wird, mit möglichst wenig Aufwand eine kurze Befragung durchzuboxen.

    Ich denke also die Frage ist in erster Linie, ob all diese Umfragen auch einen ernstzunehmenden wissenschaftlichen Hintergrund haben oder sie nur pro forma durchgeführt werden. Professoren, Dozenten und Studenten sollten viel genauer Hinterfragen, ob eine Befragung tatsächlich sinnvoll ist und diese nicht als zwingend erforderlich ansehen.

    Viele Grüße,
    Felix

    • Vielen Dank für diesen weiterführenden Kommentar, Felix! Du hast natürlich vollkommen recht. Ich habe es selbst bei einer Kommilitonin erlebt, die ihre Abschlussarbeit über ein steuerrechtliches Thema schrieb. Der komplette Sachverhalt ließ sich über Gesetzestexte und Kommentarliteratur vollständig abbilden. Dennoch bestand ihr Dozent darauf, eine kurze Umfrage zu machen, damit die Arbeit „wissenschaftlicher“ wird. Also setzte sie ein Word-Dokument auf, schickte es an eine Handvoll Steuerberater, die ihr natürlich genau das sagten, was schon im Gesetz steht. Weder im Design-, noch im Analyseprozess erfuhr sie irgendeine Art von Unterstützung, ein tiefgreifendes Interesse am schon vorher feststehenden Umfrageergebnis hatte sie natürlich auch nicht. Entsprechend fiel die Befragung aus, entsprechend oberflächlich war auch die Einbindung in die Abschlussarbeit.

      Aus Erfahrung sehe ich vor allem bei privaten Hochschulen einen hohen Legitimationsdruck. Sie müssen ihre Wissenschaftlichkeit immer wieder unter Beweis stellen, wenn es an die Reakkreditierung geht. Das geht natürlich besonders gut, wenn man zeigen kann, dass die Abschlüsse empirisch „belegt“ sind. (Deshalb zählt auch im Literaturverzeichnis Quantität mehr als Qualität, aber das ist ein anderes Thema.)

      Ist geht wohl im Kern darum, wie man Wissenschaft auslegt. Ob eine Bachelorarbeit tatsächlich empirisch erforscht werden muss oder ob es nicht ausreicht, wenn man dafür Sekundärrecherche betreibt, das ist zum Beispiel eine Frage, die sich die Bildungseinrichtungen stellen müssen.

  3. Florian Tress am

    Das Grundproblem („Ausbildung ist nicht praxistauglich“) kann ich unterschreiben; auch ich habe mein Handwerkszeug leider nicht an der Uni gelernt. Ich halte aber auch die Vorstellung, dass Marktforscher das bessere Methodenwissen haben, für eine Illusion – dafür laufen mir in meinem Berufsalltag zu viele Negativbeispiele über den Weg.

    Die Frage ist doch, welche Kompetenzen man überhaupt benötigt, um mit DIY vernünftig forschen zu können? Das technische Know-How wird ja von der Plattform übernommen…

    Da wäre zum einen das theoretische Methodenwissen, zum anderen die praktische Forschungserfahrung. Das Problem daran ist jedoch, dass weder das theoretische Wissen noch die praktische Erfahrung für sich genommen ausreichen, um gute Forschung zum machen – und vor diesem Risiko sind eben auch die Marktforscher nicht gefeit. Wer seinen Fragebogen schon immer falsch (ohne Methodenwissen) gestaltet hat, wird trotzdem ein sehr stabiles Erfahrungswissen sammeln können. Erfahrung ist also sicherlich kein hinreichender Grund, anderen Feedback dazu geben zu können, wie ein guter Fragebogen auszusehen hat.

    Worauf ich raus will: Auch ich finde es extrem schade, dass die Ausbildung an den Unis häufig so praxisfremd ist. Ich glaube aber auch nicht, dass es die Marktforschung nur durch ihre Erfahrung per sé besser weiß. Es ist die Kombination aus theoretischem Wissen und praktischer Erfahrung, die für Qualität in der Umfrageforschung sorgt – das sind aber beides keine Lorbeeren, auf denen man sich ausruhen kann, sondern läuft auf einen kontinierlichen fachlichen Austausch raus…

    Viele Grüße,
    Flo