Zensus 2011 – Top oder Flop?

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Der Zensus 2011 ist in die Kritik geraten. Der Grund: einigen Kommunen wurden im Zensus weniger Einwohner attestiert, als bislang angenommen – und jeder Bürger ist im kommunalen Finanzausgleich Geld wert. Das freilich reicht als Kritik am Zensus nicht aus, man muss schon handwerkliche Fehler in der Datenerhebung nachweisen. Und so bahnt sich gerade ein Methodenstreit an. Wir bleiben gespannt!

In der Marktforschung ist es bei diesem Thema dagegen so ruhig, dass man meinen könnte, Marktforscher haben kein Interesse an der Bevölkerungsstatistik. Ein paar Prozent mehr oder weniger – darauf kommt es doch gar nicht an! Bei echten Zufallsstichproben braucht es schließlich keine amtliche Statistik. Und Quoten und Gewichte kommen im Forschungsalltag kaum vor… (das war ironisch)

Mich würde interessieren: wie geht ihr eigentlich mit dem Thema um?

Arbeiten Sie bereits mit den Strukturen aus dem Zensus 2011, z.B. bei Quoten oder Gewichten?

Mal sehen ob wir mit der Kurzumfrage und den Kommentaren ein Stimmungsbild für unsere Branche hinbekommen…

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Market Research | Sociology | Methods | Out-of-the-box thinking | Blogging

2 Kommentare

  1. Thomas Perry am

    Wichtige Sache, der Zensus. Wie wichtig, sieht man an den Reaktionen. Es geht hier ums Geld und dann passt man gut auf. Das finde ich schon mal sehr gut. Die Kommunen sollten nachbohren, bis man es ihnen erklären konnte; stellvertretend vielleicht für all die anderen, die gar nicht wissen (können), was da über den Zensus mit ihren Interessen passiert. Wenn die Statisiker es nicht plausibel erklären können, haben sie zurecht ein Problem (denn Städte haben statistische Ämter und Personal, dass ein bisschen was von der Sache versteht). Transparenz ist sehr gut und sehr wichtig und auch die Statistischen LA/BA sollten die Karten komplett auf den Tisch legen. Denn dies ist eine politische Sache. Was natürlich nicht heißt, dass es manche einfach nicht verstehen wollen, weil sie finanzielle Interessen haben. Bei sowas gibt es schließlich immer Gewinner und Verlierer.

    Interessant finde ich den Fall aber auch, weil hier staatlicherseits vielleicht eine Diskussion in Gang kommt, die auf der Unternehmensseite und auch in der Marktforschung längst nicht ausreichend geführt wird. Hier (http://bit.ly/11MBB2W) wurde das Thema ja auch in Mafolution schon angesprochen. Ich persönlich habe seit langem SEHR große Zweifel, dass die Tonnen an Daten, die in der Mafo und anderswo erzeugt werden, halten, was sie an Abbildung der Wirklichkeit versprechen. Und das nicht nur aus statistisch methodischen Gründen, sondern weil viele dieser Tonnen inhaltlich einfach nur tote Masse sind, die entweder niemand (oft zurecht) wirklich durchanalysiert oder lauter Datenartefakte anhäufen.

    Man kann aber auch dagegen halten, dass die Frage nach der Qualität = Richtigkeit am Thema der pragmatischen Verwendung vorbeigeht. Sehr häufig sind solche Datenkonvolute ja auch nach einem von allen akzeptierten Verfahren hergestellte Konvention, mit der sich anschließend ganz andere Fragen einvernehmlich lösen lassen. Für die amtliche Statistik gilt das genauso wie für die Datentonnagen, die für die Bezahlung von Werbung auf allen Kanälen erzeugt werden oder die in Unternehmen in Auftrag gegeben werden, um innerbetrieblichen Konfliktstoff vor der Entzündung zu bewahren. Wahrheit ist da gar nicht so wichtig, vielmehr Interessenausgleich für die reibungslose Geschäftsabwicklung.

    Aber eben nicht alleine, bitte. Zum Glück gibt es auch Leute, die wissen wollen, wie es wirklich ist, auch wenn das wieder nicht oder nur sehr schwer richtig feststellbar ist. Denn es geht auch um die Sache, nicht nur um die Konvention und auch nicht nur um Partikularinteressen. Jedenfalls finde ich das ganz entschieden so.* Und deswegen muss man solche Auseinandersetzungen auch unbedingt führen, in der amtlichen Statistik, in der Politik und in der Mafo.

  2. Florian Tress am

    Hallo Thomas,

    vielen Dank! So grundsätzlich habe ich es noch gar nicht betrachtet, sondern zunächst ganz pragmatisch: Welche Bevölkerungsstatistik ist jetzt eigentlich der Referenzrahmen für meine eigenen Auswertungen: die altbewährten Zahlen, auf die wir seit Jahren vertrauen? Oder die aktuellen Zahlen, die aber gerade in der Kritik stehen?

    In jedem Fall liebe ich es, wenn Kommentare spannender als der eigentliche Beitrag sind (allein dafür hat es sich schon rentiert, hier eine Frage in die Runde zu werfen). Es wird bei Dir nämlich schön der Mechanismus deutlich, mit dem Daten inflationär ihre Vertrauenswürdigkeit verlieren: Neue Erhebungen werden immer dann notwendig, wenn man den alten Daten (und ihren Fortschreibungen) nicht mehr vertauen kann. Je schneller neue Erhebungen notwendig werden, desto stärker leidet die Qualität der Erhebung und desto weniger vertrauenswürdig sind sie. Ergo braucht man schneller neue Daten…

    Der Zensus 2011 ist so gesehen nur ein politisches Spiegelbild für die Verfassung der Markt- und Meinungsforschung. Ein interessanter Gedanke, wie ich finde!