Zwei Krisen zum Preis von einer – Das Geschäft mit der Krise

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Die mafolution hat zur Blogparade Marktforschung in der Krise aufgerufen und da darf man es sich natürlich gerade an der forschungsfront nicht bequem machen. Steckt die Marktforschung in der Krise? Sie hat in jedem Fall immer wieder mit Märkten zu tun, die von einer Krise betroffen sind. Ist sie deshalb selbst davon betroffen? Keine Ahnung!

Wobei ich mir eigentlich gar nicht sicher bin, ob der Begriff “Krise” mittlerweile nicht so inflationär gebraucht wird, dass er oft gar nichts mehr aussagt. Wer von einer Krise spricht, bringt damit doch nur zum Ausdruck, dass er für kritische Problemlagen sensibel ist. Teenager haben häufig Krisen, doch das legt sich meist irgendwann. Nicht, weil die Problemlagen ausgehen, sondern weil man gelernt hat, damit umzugehen. Oder es sich einfach nicht mehr zu Herzen nimmt, wie auch immer! Wissenschaftstheoretisch könnte man sagen: Krisen kommen in der Wirklichkeit nicht originär vor, sie entstehen erst durch einen Beobachter, der die Wirklichkeit als eine Krise beschreibt und Ernst nimmt. Wo der eine eine Krise sieht, ist der andere noch gelassen.

Und damit ist man aus meiner Sicht eigentlich schon bei der Markt- und Sozialforschung angelang. Sie macht für kritische Problemlagen sensibel und erzeugt damit auf Kundenwunsch Krisen. Nicht im destruktiven Sinn einer unüberwindbaren existenziellen Krise, sondern im eher konstruktiven Sinn, dass der Handlungsdruck für Unternehmen erhöht wird. Risiken erkennen, Prioritäten setzen, Maßnahmen ergreifen! Das funktioniert für einzelne Unternehmen, aber auch für die ganze Gesellschaft: Jede neue Information ist eine minimale Krise, weil sie zum Umdenken zwingt.

Wer für Unternehmen oder die Gesellschaft großen Handlungsbedarf sieht, tut gut daran, die Krise zu inszenieren. Denn je mehr Informationen Krisen sich eine Gesellschaft zumutet, desto stärker muss man die Krisenhaftigkeit der eigenen Sicht betonen, um mit seinem Wunsch nach Veränderung wahrgenommen zu werden. Das meine ich mit Inflation der Krisen. Wenn Marktforschung also für Problemlagen sensibel macht und Krisen erst erzeugt, dann besteht ihre Aufgabe auch darin, ihre Krisen gut zu inszenieren. Plausibel zu machen. Aber sie muss die Krisen gleichzeitig so portionieren, dass sie noch bewältigt werden können. Das rechte Maß finden. Oder genau das Gegenteil: Krisen, die uns über den Kopf gewachsen sind, wieder einfangen. Auf kleine Probleme herunterbrechen. Lösungen anbieten. Wenn sie das alles nicht schafft, steckt sie vielleicht irgendwann selbst in einer tiefen Krise.

Doch ich bin optimistisch, schließlich zeugen Krisen immerhin schon von einem Problembewusstsein. Von der Fähigkeit zur Selbstkritik. Eine Krise der Marktforschung ist deshalb auch bereits der erste Schritt, etwas anders zu machen. Also Hand aufs Herz: Wer mag es sich heute noch leisten, keine Krise zu haben? So naiv darf man einfach nicht mehr sein; wir wollen die Veränderung. Und genau deshalb braucht es Marktforschung – wortwörtlich: um die Krise zu bekommen! Nicht um alles schlecht zu reden, sondern um es besser machen zu können.

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