Wie Katz und Maus

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Dieser Artikel hat mit einer vagen Intuition, nein, eigentlich einem Fundstück im Internet angefangen. Tom de Ruyck interviewt Marktforscher zu Big Data (und anderen Themen), und in diesem Rahmen spricht John Kearon über das Verhältnis qualitativer und quantitativer Forschung bei Big Data (ab 1m 16s):

The end of the 20th century qualitative research led the way in being able to read between the words. Not quite what people said, but what was meant. And I think the quantitative 21st century equivalent of that is being able to see what insight lies just outside of the mass of actual data, what it means – which is more of a qualitative skill applied to numbers.

Als ich dieses Statement gehört habe, habe ich mich plötzlich intuitiv das Gegenteil gefragt, ob nämlich quantitative Methoden nicht immer nach und nach die qualitativen Methoden kolonialisieren? In mir wehrte sich zwar zunächst etwas etwas gegen diesen Gedanken, aber ich konnte ihn auch nicht ganz von der Hand weisen:

  • Zunächst ist da die altbekannte Rolle qualitativer Forschung, als Avantgarde zu sozialen Tatbeständen vorzustoßen, die zuvor noch nie ein quantitativer Forscher erblickt hat. Früher oder später rücken diese aber nach und quantifizieren alles!
  • Gleichzeitig bahnt sich ein Komplott an, denn die quantitativen Forscher versuchen ihre Avantgarde zu ersetzen. Mit Facial Expression Analysis oder Sentiment Analysis machen sie quantitativ messbar, was einstmals mit qualitativen Methoden erfasst werden musste.
  • Quantitative Forschung kolonialisiert die qualitative Forschung. Sobald die Häscher der Automatisierung hier etwas wittern, wird man nicht zögern: den Forscher durch einen Algorithmus ersetzen, die Prozesse automatisieren, die Ergebnisse verdichten und in einem Dashboard graphisch aufgehübscht zum Download anbieten. Und wo bleibt der Forscher?
  • Und so beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel: Qualitative Forschung flüchtet sich in Gruppendynamiken und Interaktionen. Dorthin, wo Messprobleme bestehen. Oder auf eine Meta-Ebene von Forschung, denn schließlich – und das ist ja genau das Argument von John Kearon – benötigt es immer den Forscher, der die Daten interpretiert, also mit qualitativem Sachverstand in den Zahlen liest und Erkenntnis hervorbringt.

Kolonialisierung – das klingt empörend! Doch so dramatisch ist es eigentlich gar nicht, ganz im Gegenteil. Natürlich gibt es ein Spannungsfeld, doch das ist es ja gerade! Hier soll kein Verständnis füreinander aufgebracht werden, kein Wischiwaschi-Larifari-Methodenmix. Nein! Gerade weil sich hier Katz und Maus jagen, geht es in der Branche doch voran. Innovationen, mit frischem Wind. Oder etwa nicht? Wie gesagt, nur so eine Intuition…

Dieser Artikel ist zuerst auf der forschungsfront erschienen.

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Market Research | Sociology | Methods | Out-of-the-box thinking | Blogging

4 Kommentare

  1. Christian Dössel am

    Vielleicht ist das alles aber auch nur die (wenn auch späte) Einsicht, dass methodische Grabenkämpfe keinem wirklich nützen. Und die so natürlich stattfindende Verschmelzung stellt sich in unserer Wahrnehmung fälschlicherweise als Katz-und-Maus-Spiel dar…

    Wer weiß …

    • Florian Tress am

      Danke Christian, für den Kommentar. Ich halte mal dagegen: die methodischen Grabenkämpfe führen doch gerade zu einem Klima des brancheninternen Wettbewerbs um die Deutungshoheit – und Wettbewerb belebt bekanntlich das Geschäft. Insofern nützen die Grabenkämpfe schon; vermutlich nicht auf der Ebene von Projekten, aber vielleicht ja wenigstens der Forschungslandschaft? In genau diese Richtung war mein Argument gedacht…

      • Christian Dössel am

        Hmmm, bin immer noch nicht so richtig überzeugt, dass eine an sich überholte Diskussion über die Überlegenheit einer Methode über die andere sinnvoll ist oder etwas bewirkt.

        Außer natürlich zur Vorteilsargumentation bzgl. des eigenen Produktportfolios und somit im Verdrängungswettbewerb auf der Suche nach Geld…

        Aber vielleicht habe ich es auch noch nicht verstanden 😉

  2. Hallo ihr Lieben,

    und vielen Dank Florian für deinen inspirierenden Artikel.

    Ich kann das schon ganz gut nachvollziehen, was hier geschrieben wird, aber ich sehe ehrlich gesagt keine „Grabenkämpfe.“ John Kearon beschreibt die Situation der qualitativen Forschung ja ganz richtig – er sagt, dass diese Entwicklung gut und wichtig gewesen ist. Und er führt fort, dass er eine ähnliche Entwicklung / Führung von der quantitativen Forschung in Bezug auf Big Data erwartet.

    Ich merke selbst in meinem eigenen Berufsalltag, dass ich mich – als „gelernter“ Quant-Forscher – immer häufiger und intensiver mit qualitativen Methoden beschäftigen muss.

    Das Denken in Tools und Methoden ist doch heute nicht mehr zielführend, oder? (War es vermutlich auch nie.) Das Profit-Center-Denken von „Tool-Besitzern“ oder „Methodenexperten“ führt doch zwangsläufig zu einem gewissen Prozentsatz zu falschen Studienansätzen / unzureichender Beratung.

    Viele Grüße
    Alper