Möge die mafolution beginnen! Bei uns selbst. #gmrx

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mafolution, das bedeutet für mich die Revolution der Marktforschungsbranche. Im Gegensatz zu vielen anderen, glaube ich nicht, dass wir uns „schrittweise“ einem neuen Ideal annähern können. Der Wettbewerb ist längst auf der Überholspur und zum Teil schon an uns vorbeigezogen.

Als ich vor knapp vier Jahren meine Marktforschungsgruppe auf XING gründete, wollte ich die Vernetzung von Kollegen vorantreiben, ich wollte offenen Austausch forcieren und Transparenz in der Branche schaffen. Doch was habe ich erreicht? Eine Gruppe von mehr als 6.000 Marktforschern, die immer dann lebendig werden, wenn ein potentieller Kunde etwas fragt und sich meist tot stellen, wenn andere Institutsmarktforscher eine Frage an die Community richten.

Ich kann das durchaus verstehen. Wir sind alle kleine oder große Profitcenter, die ihr Dasein durch finanziellen Erfolg rechtfertigen müssen. Da teilt man nicht so gerne seinen USP, sein Wissen, mit anderen. Aber das muss vielleicht auch garnicht unser Ziel sein.

Vor einiger Zeit habe ich ein Angebot abgegeben, bei dem ich merklich von der Anfrage des Kunden abgewichen bin (F2F statt Online). Der Kunde wollte aus Zeit- und Budgetgründen online forschen – das Problem war jedoch, aus meiner Sicht, dass sein Hauptwettbewerber nur Online agiert, er selbst aber primär im Offline-Business beheimatet ist.

Mein Angebot wurde sehr positiv für die guten Ideen gelobt, aus zeitlichen Gründen habe man sich aber für einen Online-Ansatz eines Wettbewerber entschieden. Fairer Punkt. Ich wusste ja, dass Zeit ein kritischer Faktor ist. Andererseits bedeutet es aber auch, dass mein Wettbewerber ein Online-Angebot abgegeben hat, wohlwissend, dass die Ergebnisse in Richtung des Online-Wettbewerbers verzerrt werden. Welchen Wert hat diese Studie für den Kunden?

Ich habe auf der Research & Results viele Gespräche geführt und halte fest, dass sich viele Kollegen von Projekt zu Projekt hangeln. Jeder hat genug um die Ohren. Das mag das typische Messe-Palaver gewesen sein, aber darin ist sicherlich auch ein wahrer Kern. Wohin soll das führen?

Vielleicht sollten wir – vor der großen Revolution – mit der kleinen Revolution bei uns selbst beginnen. Wir liefern nicht mehr nur Zahlen, sondern faktenbasierte Handlungsempfehlungen in Echtzeit. Theoretisch. Praktisch sind viele von uns degeneriert zu Projekt-Abarbeitern, die sich nach jedem Projekt strecken, dass sie bekommen können. Egal zu welchem Preis.

Meine erste Aufforderung für eine gelungene mafolution lautet: „Sagen wir auch mal nein.“ Wir haben Richtlinien und Standesregeln für jede Kleinigkeit geschaffen – was wir jetzt brauchen ist ein Ehrenkodex: Wir verkaufen uns nicht unter Wert. Wir hinterfragen die Sinnhaftigkeit dessen, was wir tun und anbieten. Und wir verkaufen nichts, was wir nicht auch selbst kaufen würden.

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Über den Autor

Markenführung - Employer Branding - Digitalstrategie

3 Kommentare

  1. Das könnte mal eine Erweiterung des Manifests werden….

    Aber viel wichtiger und sehr mutig finde ich Deine Gedanken zu dem Missverhältnis von dem, was angeboten wird und dem, was geliefert wird…
    „Research Consulting“, zumindest „Consulting“ steht schnell auf der Visitenkarte, im Claim oder gar im Unternehmensname…
    Abgesehen davon, dass es für nichts steht, weil es eine generische Bezeichnung (geworden) ist, habe ich sehr oft das Gefühl, dass wir selber gar nicht wissen, was das sein soll. Ist es ein Äquivalent zu den guten, alten „Handlungsempfehlungen“ oder ist es mehr?
    „Research Consulting“ verkaufen aber „Handlungsempfehlungen“ liefern ist ganz klar ein Fall von „over-promised and under-delivered“…

    Oder?

  2. Hallo Alper,
    ich habe jetzt ein paar Tage über deinen Beitrag nachgedacht. Ich fand deine Ideen spannend, aber so ganz habe ich auf Anhieb nicht verstanden, wie Du letztendlich auf die Forderung nach dem Ehrenkodex kommst. Ich glaube, dass in deinem Artikel 5 Themen vermischt sind, die letztendlich alle wichtig sind und einen Artikel wert wären.
    Thema 1: Es findet kein „echter“ Austausch statt.
    Mit deinem Xing-Beispiel legst Du den Finger in die Wunde: Echter Austausch findet nicht statt, weil die Instituts-Marktforscher sich letztendlich überall verkaufen und präsentieren müssen, vor allem wenn sie einen Kunden wittern. Oder noch härter formuliert: Der Austausch ist nie sachbezogen, sondern auf den Verkauf der eigenen Person oder eines Projektes aus. Wenn das so ist, wird es sehr spannend, wie das hier weiter geht, denn mafolution könnte dieses Schicksal auch ereilen.
    Thema 2: Die eigene Forschungsethik und -überzeugung vs. Pragmatismus und Kundenwunsch.
    Da fällt mir nur ein: You win some and you lose some. Ich glaube das ist eine Frage der Nachhaltigkeit. Kurzfristig hast du vielleicht ein Projekt verloren, aber mittel- und langfristig wirst Du damit gewinnen. Ein anderer Punkt könnte sein, dass Du in diesem Fall, deine Argumente nicht überzeugend rüber gebracht hast. Das ist kein Angriff auf Dich, sondern mir geht das auch manchmal so, dass ich das Gefühl habe, vielleicht hätte ich das doch anders erklären, darstellen, argumentieren, etc. müssen oder können. Ich denke, das fällt unter die Rubrik lebenslanges Lernen.
    Thema 3: Projektschrubben vs. konzeptuelle Arbeit.
    Dein drittes Thema verstehe ich nicht ganz, oder anders gesagt, mir ist nicht klar, worauf Du hinaus willst. Ich bin auch Projekt-Abarbeiter, aber warum bin ich deswegen degeneriert? Mein Alltag ist das Projektgeschäft. Das schließt strategische Beratung nicht aus und das schließt meines Erachtens auch Kreativität, Innovation, der Blick über den Tellerrand nicht aus. Man muss den Themen, die nicht mit den aktuellen Projekten zu tun haben, Platz einräumen und ihnen so einen Wert zukommen lassen. Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan, gerade wenn es brummt, aber wenn wir uns nicht die Zeit für konzeptuelle Arbeit nehmen, dann werden wir immer in unserem eigenen Saft schmoren. Not an option!
    Thema 4: Die eigene mafolution.
    Da bin ich vollkommen bei Dir. Wir alle leisten hier mit jedem Kommentar oder Artikel einen Beitrag zur mafolution. Wir gehen davon aus, dass alle die hier mitmachen, das Manifest so unterschreiben, aber trotzdem wird jeder von uns eine eigene Interpretation, eine eigene Motivation und eine eigene subjektive Sicht auf die Dinge haben, die hier passieren. Ich finde das sehr schön, denn die mafolution kann nur persönlich und subjektiv sein. Die mafolution, wie ich sie interpretiere, soll eher „grass root“ sein und deswegen kann sie jeder von uns „anreichern“. Außerdem sollte jeder von uns seinen Teil zur mafolution beitragen und das fängt vielleicht schon im eigenen Alltag an, wenn Du beispielsweise einem jungen Marktforscher(in) vorlebst, dass man auch mal ein Projekt verlieren kann, wenn man der Überzeugung ist, dass der Ansatz oder die Methode nicht der richtige Weg ist.
    So, dein 5. Thema finde ich am Schwierigsten. Die Forderung nach einem Ehrenkodex, die ja, wenn ich Dich richtig interpretiere, als ultima ratio aus deinen Beispielen folgt: Meine erste Antwort lautet: Ja, super! Wir brauchen eine Art Ehrenkodex.
    Die zweite Antwort lautet: Super naiv. Das Fressen kommt doch vor der Moral!
    Wie bei deinem ersten Thema und der „eigenen“ mafolution müssen wir uns jeder an die eigene Nase fassen und dann ist das eben ein persönlicher Ehrenkodex. Ich finde auf jeden Fall die Diskussion extrem spannend und mich würde wirklich interessieren, wie andere damit umgehen, bzw. wo und wie die Grenze gezogen wird.
    Noch zwei Anmerkungen zum Schluss: Ich bin ja einerseits Auftragnehmer und andererseits Auftraggeber. Wenn ich mit Menschen zusammen arbeite, schätze ich es sehr, wenn man mich auf etwas hinweist, was nicht geht, keinen Sinn macht, fragwürdig ist, etc. Mit anderen Worten, ich finde es toll, wenn Dienstleister mitdenken und so einen Beitrag leisten, dass das „Projekt“ noch besser wird. Mit dieser Einstellung gehe ich auch an Projekte ran, bei denen ich der Dienstleister bin. Ich gehe davon aus, dass das meine (potenziellen) Kunden auch schätzen. Mehr, aber auch nicht weniger kann ich tun.
    Wenn wir jeden Preiskampf und jedes Dumping mitmachen, dann sind wir auch selbst schuld und wir entwerten uns selbst. Auch hier ist es ein echter Balanceakt, was man mitmacht oder wozu wir nein sagen, immer mit der Gefahr, dass es einen Wettbewerber gibt, der sich noch weiter drücken lässt.
    Sorry, der Kommentar ist etwas länger geworden. Vielen Dank für deine Impulse, Oliver.

  3. alperaslan1980 am

    Hi Oli,

    schön, dass Du Dir die Zeit für einen so langen Kommentar genommen hast. Ich finde meine Gedanken gar nicht so konfus, aber auf digitalem Papier ist das vielleicht etwas anders als in meinem Kopf 😉

    Das verbindende Element ist eigentlich simpel – analog zu der Überschrift – die persönliche mafolution.

    1) Jeder denkt an sich selbst. Es findet kein Austausch statt. –> wir müssen auch ganzheitlich an die Entwicklung der Branche denken. Und wenn es auch nur dem Selbstschutz dient. –> persönliche mafolution: Mehr Offenheit, Transparenz, ehrliche und authentische Diskussion, statt „Kundenjagd“

    2) Ja, natürlich „gewinnt man mal und verliert man mal.“ Darum ging es mir nicht. Sondern darum, dass die persönliche mafolution auch eine Branchen-Ethik impliziert: wir denken nicht nur an den subjektiven, finanziellen Erfolg, sondern auch an die Richtigkeit unserer Handlung (unseres Angebots). D.h. auch die „Kundenjagd“ nicht in den Vordergrund stellen, sondern das Beste anbieten aus Sicht des Kunden.

    Wir müssen das jetzt nicht an diesem einen Beispiel von mir exerzieren. Vielleicht war mein Angebot nicht gut genug. Es geht aber erneut, um die persönliche Ethik bzw. mafolution.

    3) Eigentlich meinte ich damit kein eigenständiges Thema, sondern es geht in die gleiche Richtung wie 2). Wir haben alle so viel um die Ohren, so dass wir vielleicht garnicht die Zeit haben, das Angebot aus 2) vernünftig zu durchdenken.

    4) Die eigene mafolution – das zentrale Thema!

    5) Der Ehrenkodex verlangt erneut eine „persönliche mafolution.“ Es muss für jeden von uns selbstverständlich sein, dass wir 1) nicht mehr nur an uns denken, 2) nur anbieten, was wir auch wirklich vertreten können und 3) uns die Zeit nehmen, die Sinnhaftigkeit unserer Empfehlungen zu hinterfragen.

    Und so schließt sich für mich der Kreis. Der „Ehrenkodex“ – bzw. einfach eine Ergänzung des Manifest – abgeleitet aus den Punkten davor.

    Liebe Grüße
    Alper