Wissen ist Macht! Marktforschung und Unternehmensstruktur

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Jüngst wurde ich nach langen Jahren wieder einmal dazu angeregt, Heinz von Foerster zu lesen. Neben vielen anderen spannenden Dingen, bin ich dabei über folgenden Absatz zu Heterarchien gestolpert:

Diese Art der Organisationsstruktur heißt “Heterarchie” (vom griechischen heteros = der andere und archein = regeln, steuern, herrschen) , denn einmal ist es einer Ihrer Nachbarn, der die Entscheidungen trifft, dann sind es wieder Sie selbst, als der Nachbar der anderen. Diese Organisationsform ist natürlich das Gegenteil der “Hierarchie”, in der das “Heilige” (gr. hieros) herrscht, in der der Chef alle Macht hat und die Befehle von der Spitze nach unten laufen.

Der Begriff der Heterarchie wurde meines Wissens zuerst von Warren McCulloch in einem Aufsatz aus den vierziger Jahren (1965) eingeführt, dessen Lektüre einen intellektuellen Hochgenuss bereitet. Wie McCulloch selbst feststellte, leitete er den Begriff der Heterarchie aus einem Prinzip ab, das ihm lieb und teuer war. Es war:

Das Prinzip der Redundanz des potentiellen Befehls, wonach Information Autorität konstituiert.

Als Beispiel für dieses Prinzip pflegte er die Schlacht bei den Midway-Inseln anzuführen, in der die japanische Flotte die amerikanische Flotte zu vernichten drohte. Als nämlich das amerikanische Flaggschiff schon in den ersten Minuten sank, war die Flotte auf sich allein gestellt und mußte sich selbst organisieren, d.h. von einer Hierarchie auf eine Heterarchie umschalten. So ergab sich, daß der Kapitän jedes Einzelschiffes, ob groß oder klein, das Kommando über die gesamte Flotte übernahm, sobald er aufgrund seiner Position am besten entscheiden konnte, was zu tun war. Das Ergebnis war, wie wir alle wissen, die Zerstörung der japanischen Flotte und die Wende im Kriegsgeschehen im Pazifik.

Heinz v. Foerster (1984): Prinzipien der Selbstorganisation im sozialen und betriebswirtschaftlichen Bereich; S. 243.

Ich finde hier vor allem das “Prinzip der Redundanz des potenziellen Befehls” (the principle of redundancy of potential command) spannend: Wenn vollständige Informationen vorliegen, benötigt es keinen Befehl (keine unternehmerischen Entscheidungen) mehr, denn das Ganze ist bereits sachlich entschieden. Umgekehrt benötigt es immer dann Entscheidungen, wenn Informationsdefizite bestehen.

Einige Gedanken dazu:

  • Die Prämisse vollständiger Informationen lässt sich in der Praxis nicht einlösen. Es muss in Unternehmen immer entschieden werden.
  • Mit Entscheidungen geht das Risiko von Fehlentscheidungen einher. Dieses Riskio kann nicht beseitigt werden, aber wenigstens dadurch minimiert werden, dass man die Entscheidungen in einem Unternehmen immer dort treffen lässt, wo die relevantesten Informationen vorliegen – und das ist in den seltensten Fällen der Chef.
  • Entscheidungen gehen mit Verantwortung einher. Diese Verantwortung betrifft nicht so sehr die positiven Folgen einer richtigen Entscheidung, als die negativen Folgen einer möglichen Fehlentscheidung. Entscheider sollten also nicht nur nach dem Informationsstand ausgewählt werden, sondern auch nach dem Grad unternehmerischer Verantwortbarkeit – und das ist in den häufigsten Fällen der Chef.
  • Wie flach Hierarchien in Unternehmen prinzipiell sein können, hängt demnach von mindestens drei Faktoren ab:
    • Der Notwendigkeit verantwortungsvollen Handelns im jeweiligen Geschäftsfeld: Je folgenloser Fehlentscheidungen sind, desto eher kann man flache Hierarchien zulassen.
    • Der (fachlichen) Kompetenz der Mitarbeiter: Je höher die Wahrscheinlichkeit richtiger Entscheidungen ist, desto eher kann man Entscheidungskompetenzen abgeben.
    • Der Verfügbarkeit relevanter Informationen: Je stärker Entscheidungen durch sachliche Gründe vorgegeben sind, desto weniger entscheidend ist es, wer die Entscheidung trifft.
  • Und damit ist man bei Marktforschung angelangt. Sorgt Marktforschung nicht für eine höhere Verfügbarkeit relevanter Informationen? Begünstigt Marktforschung damit nicht flache Hierarchien? Provokativ gefragt: Sägt Marktforschung nicht am Stuhl des Chefs ihrer Kunden, indem sie Hierarchien überflüssig macht?
  • Bedeutet das aber nicht auch anders herum: dass ein Verfechter des autoritativen Führungsstils andere Anforderungen an Marktinformationen stellt, als ein Vertreter kooperativer Unternehmensführung? Spielt hier die Sicherung und Legitimation der Führungsposition eine Rolle, wenn es um die Beschaffung von Informationen geht?

Ich bin auf eure Meinung gespannt!

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