Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es hinaus.

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Auf der BVM-Homepage ist über die „Initiative Markt- und Sozialforschung“ Folgendes zu lesen:  „Dadurch sollen der Nutzen von Markt- und Sozialforschung und die Abgrenzung zum Verkauf verdeutlicht werden, um die Teilnahmebereitschaft bei Befragungen zu erhöhen.“

Es geht offensichtlich darum, unsere Branche abzugrenzen und Vertrauen zu gewinnen oder gar zurückzugewinnen. Wenn wir es schaffen, Menschen davon zu überzeugen, dass es gut ist an Befragungen teilzunehmen, ist unsere Zukunft als Branche gesichert, so zumindest meine Interpretation.

Ich gehe noch einen Schritt weiter: Wenn wir es nicht schaffen empathisch und respektvoll mit den Menschen umzugehen, die wir befragen wollen, dann haben wir es auch nicht verdient, dass Menschen sich bereit erklären, bei Studien oder Umfragen mitzumachen. Und das gilt nicht nur für die qualitative Forschung, bei der der Kontakt mit den Menschen viel direkter und intensiver ist. Vielleicht ist schon unsere Wortwahl ein Symbol für den fehlenden Respekt. Wir reden über Zielgruppen, Probanden, Typen, etc. – und dabei meinen wir Menschen!

Aber, wenn das der Anspruch ist, wie gehen wir denn innerhalb der Branche miteinander um? Dazu eine kleine Geschichte von der Research & Results 2011, die mich zugegebenermaßen irritiert hat: Während der Messe kamen einige Studenten des Studiengangs Markt- und Kommunikationsforschung an unseren Messestand und wir plauderten- über die Messe im Allgemeinen, über spannende und weniger spannende Vorträge und darüber ob sie interessante Kontakte geknüpft hätten. Das Feedback etwas verkürzt dargestellt: Ja, spannend, interessant, anstrengend, viele Eindrücke, ABER… .

Dieses ABER zog sich durch viele Gespräche und machte uns stutzig. Viele Studenten zeigten sich enttäuscht über das Verhalten einiger „Kollegen“ auf den Messeständen, das die Studenten als respektlos und teilweise unverschämt empfanden. Sobald als „Student“ identifiziert, wurden sie stehengelassen, das Gespräch wurde abrupt unterbrochen, man drehte sich an einigen Ständen wortlos weg. Keine Frage, die Studenten berichteten nicht darüber, dass diese Erfahrung bei allen Messeständen so gewesen sei, aber dieser Negativeindruck der Missachtung, der nach Auskunft der Studenten bei den „Kleinen“ ebenso wie bei den „Großen“ erlebt wurde, blieb hängen.

Respekt muss auch die Grundlage für den Umgang mit unserem Nachwuchs sein. Ohne Wenn und Aber. Jeder von uns ist ein Botschafter unserer Branche und unserer Profession und wie sollen wir im „war for talents“ bestehen, wenn wir uns nicht um unseren Nachwuchs kümmern, denn diese offensichtlich an unserer Branche interessierten Menschen sind bald Kollegen, Mitarbeiter, Dienstleister oder Auftraggeber. Nehmen wir weiter an, die Branche wird sich in den Jahren stark verändern, dann müssen wir zudem in anderen Gefilden wildern: Programmierer, Designer, Grafiker, Informatiker, Webanalysten, etc. Und die warten wahrscheinlich nur darauf in der Marktforschung Fuß zu fassen….

Ich möchte mich nicht zum „Rächer der ungerecht Behandelten“ empören, kein Sorge. Ich möchte aber die ketzerische Frage stellen: Können wir – oder einige aus unserer Branche – es uns leisten, so mit unserem Nachwuchs umzugehen? Und, wenn wir so mit unserem Nachwuchs umgehen, welches Bild wirft das auf unsere Branche und die Glaubwürdigkeit unserer Branche, sowie der ganzen Aktionen der Verbände und Initiativen (z.B. Nachwuchsforscher des Jahres). Ich finde das sehr bedenklich!

Es ist ja immer ein Geben und Nehmen. Wenn ich den Bogen noch weiterspanne, dann stellt sich mir die Frage, wie ich selbst gesehen und behandelt werden will? Ich bin Dienstleister und glückliche und zufriedene Kunden sind unser Kapital, unsere Existenzgrundlage. Aber, das gilt ebenso im Umgang mit Kollegen egal ob erfahren oder unerfahren diese sind. Und genauso gilt das für andere Menschen aus der Branche: ob unsere Dienstleister, ob Journalisten aus der Fachpresse, ob Wettbewerber, ob Verbandsakteure, etc. Respekt untereinander und Empathie für die Marktforschung gehört dazu.

Manchmal bin ich Kunde, manchmal bin ich Dienstleister, manchmal bin ich Dozent, manchmal bin ich Chef, manchmal bin ich Kollege, manchmal bin ich Kolumnist. In den unterschiedlichen Rollen, werde ich unterschiedlich wahrgenommen und man hat unterschiedliche Erwartungen an mich. Wenn ich in den unterschiedlichen Rollen, etwas bewegen möchte, dann nur mit Respekt und Empathie. Und, wenn mein Kunde mich respektiert und ebenso empathisch bei der Sache ist, dann kann man etwas bewegen, einen Mehrwert, die Akzeptanz der Marktforschung erhöhen und einen echten Mehrwert für das Unternehmen schaffen. Eine Hol- und Bringschuld für alle Beteiligten.

Und dann sind wir wieder am Beginn: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

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Über den Autor

6 Kommentare

  1. Lieber Oliver, vielen Dank. Ich selbst erinnere mich noch gut an eine GOR-Party, auf der ich mich recht nett mit einem jüngeren Herren unterhalten hatte – und wie sich das für eine Party gehört, ohne Namensschild und nicht nur über das Geschäft. Als mein Gegenüber jedoch irgendwann herausfand, dass wir für konkurrierende Unternehmen arbeiteten, war das Gespräch abrupt beendet. Dieser ambitionierte Networker ist mir bis heute als Negativbeispiel im Gedächtnis geblieben, auch wenn ich seitdem sehr viel mehr positive Erlebnisse hatte. Deshalb finde ich deinen Appell nicht nur richtig, sondern auch wichtig, selbst wenn – oder gerade weil nicht jeder ein schwarzes Schaf ist. Um einen einzigen negativen Eindruck auszubügeln, braucht es häufig ungleich viel mehr positive Eindrücke…

  2. Hallo Oliver, Du sprichst mir aus dem Herzen! Ob das in die Kategorie „Der Schuster hat selbst immer die schlechtesten Schuhe“ fällt? Eine Branche die so sehr auf die Kooperation vieler Menschen angewiesen ist, tut gut daran, sich schnell dem veränderten Umfeld zu stellen. Vielen Dank für den eindringlichen Appell!!! 🙂 Bettina

  3. Bei Dir ist es nicht passiert, bei wäre es auch nicht passiert, und sowohl Florian als auch Frau Wagner wären mit dem Nachwuchs anders umgegangen.

    Unser Job ist und wird immer sein ‚people business‘ – die schwarzen Schafe wird es immer geben, aber langfristig werden die anderen Kunden und Kollegen gewinnen.

    Vorschlag: machen wir ein Event auf der nächsten Messe für junge MaFo Interessierte! Wir vier.

  4. Beatrice Rosignier am

    Sehr schöner Beitrag. Das kann ich leider nur unterschreiben. Ich kenne sogar persönlich einige Marktforscher, die von den „lästigen Studenten“ sprechen. Oder auch ganze Events für uninteressant halten, weil da so viele Studenten sind… Ältere Studenten und jüngere Mitarbeiter sind ja schwer auseinander zu halten. Ein riesen Problem natürlich!

  5. Vielen Dank für die Kommentare! Wie Florian richtig bemerkt, sind natürlich nicht alle Marktforscher unfreundlich zu Studenten oder Fams. Ich habe nur im Austausch mit meinen Studenten gemerkt, wie enttäuscht diese waren. Einerseits wird immer wieder Engagement und Eigeninitative von jungen Menschen gefordert und andererseits wird das dann wie hier nicht belohnt. Natürlich ist eine Veranstaltung wie die Mafo-Messe von monetären Interessen geprägt. Wir haben unseren Stand nicht nur zum Spaß da, sondern wollen selbstverständlich auch interessante Kundenkontakte knüpfen, alles andere wäre gelogen. Aber das schließt meines Erachtens nicht aus, dass man nette (zukünftige) Kollegen trifft und sich ausstauschen kann. Wir alle können den Beweis im Oktober erbringen, dass das möglich ist. Schönen Tag, Oliver Tabino

  6. Pingback: Was macht einen guten Marktforscher aus? | die forschungsfront